Gelsenkirchen

Flüchtling über Gelsenkirchen: „Hab ich mir alles anders vorgestellt – wegen Schalke!“

Sadiq M. hatte ein anderes Gelsenkirchen erwartet, bevor er 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war.
Sadiq M. hatte ein anderes Gelsenkirchen erwartet, bevor er 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war.
Foto: Montage: DER WESTEN / Heinrich Jung / FUNKE Fotoservices & Sadiq Mohammadi

Gelsenkirchen. Sadiq M. (28) ist als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Aus dem Iran über die Türkei und Italien.

Sein Ziel war Gelsenkirchen. Um endlich seine Ehefrau wiederzusehen, von der er jahrelang getrennt war. Die Stadt war Sadiq bereits ein Begriff – bei seiner Ankunft war der Flüchtling dann aber doch überrascht.

Als Flüchtling in Gelsenkirchen: Erinnerung an Schalke-Film aus der Kindheit

„Als Kind habe ich einen Film über Schalke gesehen“ erzählt der 28-Jährige im Gespräch mit DER WESTEN und fasst begeistert die Handlung von „Fußball ist unser Leben“, dem Schalker Kult-Film mit Ralf Richter, zusammen.

Sein Lieblingsverein in der Heimat? „Genau wie Schalke mit blauen Trikots: Esteghlal Teheran, trainiert von Winnie Schäfer“, sagt er.

Die Veltins-Arena kannte er als glühender Fußball-Fan natürlich auch. „Ich dachte, dass in Gelsenkirchen alles sehr modern ist.“ Das Leben in der Stadt habe er sich deshalb etwas anders vorgestellt.

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„Ich liebe Gelsenkirchen, aber...“

„Ich liebe Gelsenkirchen“, setzt Sadiq an, „aber es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe“, gibt er zu. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Perspektivlosigkeit vieler Menschen mit vergleichbarer Biographie könne deprimieren.

„In ganz NRW gibt es viele Flüchtlinge, die ihren Weg noch nicht gefunden haben“, sagt er.

Sadiq geht davon aus, dass er als Flüchtling von Teilen der Gesellschaft abgestempelt wird. Den vielen negativen Schlagzeilen über Flüchtlinge möchte der 28-Jährige nun etwas entgegensetzen – und anderen Flüchtlingen mit seiner Geschichte Hoffnung machen.

Flüchtling erfüllt sich Traum in Deutschland

Als Sadiq seinen Antrag auf Asyl stellte, sprach er kein Wort Deutsch. Davon ist vier Jahre später nichts mehr zu spüren. Heute studiert der 28-Jährige Zahnmedizin.

Ein Traum, den er sich im Iran nicht erfüllen konnte. Als Sohn afghanischer Einwanderer durfte er dort kein medizinisches Studium beginnen, erzählt er. An der Uni in Teheran hatte er sich dann über seine Alternativen informiert und lernte durch einen Zufall seine spätere Ehefrau kennen.

Ehefrau flüchtet zuerst nach Gelsenkirchen

Die in Afghanistan geborene Shakiba N. konnte nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren – aus privaten Gründen, wie Sadiq sagt. Genauer möchte er darauf nicht eingehen.

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2012 flüchtete sie nach Deutschland, landete schließlich in Gelsenkirchen. Drei Jahre lebte das Paar getrennt, bis der damals 24-Jährige ihr auf dem beschwerlichen Weg nach Deutschland folgte.

Warten, Warten, Warten

Nach seiner Ankunft hieß es Warten. Warten bis zur Aufenthaltsgenehmigung. Als die schließlich da war, konnte er endlich durchstarten: Integrationskurse, Sprachkurse. Büffeln für das große Ziel.

Doch dann die nächste Hürde: „Mein iranisches Abitur wurde nicht anerkannt“, berichtet er. Doch Sadiq ließ sich nicht entmutigen, besuchte zwei Semester lang ein Studienkolleg in Mettingen bei Osnabrück.

Stipendium ermöglicht Studium

Nach der erfolgreich absolvierten Feststellungsprüfung war der Weg endlich frei für das Studium der Zahnmedizin. Sadiq bekam einen Studienplatz in Würzburg und sicherte sich dann ein Stipendium beim Deutschen Hochschulverband.

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Würzburg, das bringt zwar wieder die Unannehmlichkeiten einer Fernbeziehung mit sich. Aber immerhin schafft er es alle zwei bis drei Wochen nach Gelsenkirchen.

Sein Weg war mühsam, sagt der junge Mann aus nichtakademischen Hause, der derzeit auf der Suche nach einem Semesterferienjob ist. „Meine Mutter ist Analphabetin“, berichtet er. Seine Botschaft: „Wenn ich das schaffe, kann es jeder schaffen!“

Dieser Artikel erschien zuerst im Februar 2019 auf DER WESTEN.

 
 

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