Erinnerung an die Reichspogromnacht in Gelsenkirchen

Michael Schulz, Intendant des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen (l.), hielt eine bemerkenswerte Rede und rief dazu auf, gegen Populisten und Rassisten klar Stellung zu beziehen. Den traditionellen Abschluss des Abends bildete das gemeinsame Singen des Moorsoldatenliedes.
Michael Schulz, Intendant des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen (l.), hielt eine bemerkenswerte Rede und rief dazu auf, gegen Populisten und Rassisten klar Stellung zu beziehen. Den traditionellen Abschluss des Abends bildete das gemeinsame Singen des Moorsoldatenliedes.
Foto: Martin Möller
Etwas mehr als 300 Bürger kamen zum Schweigemarsch der Demokratischen Initiative. Gedenken an den Tag der Reichspogromnacht vor 78 Jahren.

Gelsenkirchen..  Der Krieg in Syrien, die wachsende Nationalstaatlichkeit in Europa, das Wiedererstarken der Rechten und natürlich auch der Siegeszug des Populisten Donald Trump als nun 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – all das und mehr spiegelte sich als Themen bei der Kundgebung und Demonstration wieder, zu der die Demokratische Initiative Gelsenkirchen am Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 am Mittwochabend aufgerufen hatte. Etwas mehr als 300 Menschen waren an der Neuen Synagoge und im Kleinen Haus des Musiktheaters dabei.

In einer bemerkenswerten Rede, in der Generalintendant Michael Schulz sowohl die Länder des Westens als auch des Ostens hart, aber im Kern treffend, als „Steigbügelhalter“ und Nährer des barbarischen Assad-Regimes in Syrien geißelte, hob der Leiter des Musiktheaters im Revier (MiR) die Bedeutung des Grundgesetzes als ein „Manifest der Läuterung“ hervor.

Schulz legte den Schwerpunkt seiner Rede auf die stark wachsende Nationalstaatlichkeit der europäischen Nachbarn, ihre Abschottung gegen Flüchtlinge und das rigide Vorgehen gegen Andersdenkende. Er beschrieb Ungarn als ein Land von Bürgerrechte aufgebender Menschen, Polen als katechetischen Anstandsstaat und die Türkei Erdogans als personalisierten Staat mit putin’schen Zügen.

Populisten befördern diffuse Ängste und Ressentiments

Zugleich schlug der wortgewaltige Generalintendant einen Bogen zwischen der perfiden Propaganda des Nazi-Regimes und den nicht weniger kruden Thesen der Populisten der Gegenwart, die mit ihren Parolen bar jeder Fakten diffuse Ängste, Ressentiments und letztendlich blanken Hass gegen alles säten, was zu schnell und zu neu sei, Globalisierer und Modernisierer. „In 2016 haben viele das Gefühl, auf dem Rand eines Vulkans zu laufen, von dem man nicht weiß, wann er denn ausbricht“, beschrieb Schulz sowohl seine als auch wohl die Gefühlslage vieler anderer Bürger.

In seiner Kritik machte Michael Schulz auch nicht vor sich selbst Halt. Als ihm eine Sängerin an der Semperoper in Dresden mitteilte, dass sie zur Premiere von „Salome“ nicht ihren dunkelhäutigen Mann und ihre Tochter dabei haben wolle, weil sie ihnen die Pegida-Demonstranten vor der Tür nicht zumuten wollte, „da habe ich mich geschämt, weil ich mich wie die große Mehrheit nicht aktiv dagegen gestellt habe“, so Schulz.

Den Diskurs führen und deutlich Position beziehen

Für Michael Schulz erwächst daraus Mahnung und Verpflichtung zugleich, den „politischen Diskurs mit Fakten zu führen und deutlich Position zu beziehen.“ Im Bewusstsein dessen hatte Schulz das Banner „Freiheit leben, Furcht besiegen, Frieden wahren“ auf dem Dach des Musiktheaters durch „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ersetzen lassen – nichtsdestotrotz waren beide Sinnsprüche Leitmotiv seiner mit viel Applaus bedachten Rede.

Auch OB Frank Baranowski appellierte zuvor an der Neuen Synagoge eindringlich an die Bürger, „Menschlichkeit zu bewahren“. Angesichts der „beunruhigenden Nachrichten aus den USA“ und „dem Aufstieg der Rechtspopulisten“ bekräftigte er seine Sicht, dass derzeit nicht weniger als die Zukunft einer friedfertigen und freien Gesellschaft auf dem Spiel stehe.

 
 

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