Eine Ehrung für Kurt Neuwald

Kurt Neuwald mit dem damaligen Ministerpräsidenten von NRW, Johannes Rau, bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Gelsenkirchen. Foto: Martin Möller
Kurt Neuwald mit dem damaligen Ministerpräsidenten von NRW, Johannes Rau, bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Gelsenkirchen. Foto: Martin Möller
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An diesem Wochenende, gut zehn Jahre nach seinem Ableben, wird Kurt Neuwald, ein Mitbegründer des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen, posthum eine weitere, besondere Ehre zuteil werden.

Gelsenkirchen.. Wenn Judith Neuwald-Tasbach über ihren Vater Kurt spricht, senkt sich ihr Blick immer wieder, um nach einem Moment der Nachdenklichkeit die Erinnerungen an den „Papa“ für den Zuhörer lebendig werden zu lassen. Die Gefühle, die die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen offenlegt, reichen von der Freude über das Leben und Wirken des Vaters bis zur Trauer über seinen Tod am 6. Februar 2001.

An diesem Wochenende, gut zehn Jahre nach seinem Ableben, wird Kurt Neuwald, ein Mitbegründer des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen, posthum eine weitere, besondere Ehre zuteil werden. Am Sonntagnachmittag um 16 Uhr wird der Gemeindesaal in der Neuen Synagoge nach Kurt Neuwald benannt. Zu diesem Anlass werden zahlreiche geladene Gäste an der Georgstraße erwartet, wie etwa Dieter Graumann, der amtierender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist.

Ein Mann der
leisen Töne

Kurt Neuwald, so beschreibt ihn die Tochter, sei immer ein Mann der leisen Töne gewesen, der seine Ziele aber nie aus den Augen verlor. „Dazu gehörte gerade auch sein unerschöpfliches Bemühen, die Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden voranzutreiben.“ Am 23. November 1906 wurde Kurt Neuwald als drittes von vier Kindern in Gelsenkirchen geboren. Nach der Schule absolvierte er eine kaufmännische Lehre und wurde zuerst Geschäftsführer, später dann Mitinhaber des elterlichen Betten-Spezialgeschäftes. Das hatte der Großvater bereits im Jahr 1880 gegründet – vor 1933 hatte es, als einziges Bettengeschäft in der Stadt. 30 Beschäftigte.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis bekamen auch die Neuwalds die Diskriminierung und den Terror gegen die jüdische Bevölkerung Gelsenkirchens zu spüren. Die wirtschaftliche Existenz wurde zerstört, indem das Geschäft boykottiert wurde. Die Angestellten wurden aufgefordert, nicht mehr für die jüdische Firma zu arbeiten. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde das Geschäft an der Arminstraße massiv verwüstet. Es musste daraufhin von der Familie aufgeben werden, das Haus musste – wie der gesamte Besitz – unter Wert verkauft werden.

Die männlichen Mitglieder der Neuwalds wurden zu unterbezahlter Zwangsarbeit verpflichtet. Kurt Neuwalds Erinnerungen daran waren diese: „Wir mussten hier im Tiefbau und auf der Zeche arbeiten und zwar täglich zehn bis zwölf Stunden, samstags und sonntags auch. Man verdiente zwischen 40 und 70 Pfennig in der Stunde. Im Januar 1942 begannen die Deportationen. Und zwar wurden die ersten am 27. Januar 1942 deportiert, nämlich 353 Juden nach Riga. Am 27. Juli 1942 wurden die alten Leute, die meistens krank waren und in Krankenhäusern oder zu Hause siech lagen, nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert. Davon sind vier zurückgekommen.“

Mit dem ersten großen Transport in das Ghetto Riga wurde die Familie Neuwald deportiert. Getrennt von seiner Familie durchlief Kurt Neuwald einen Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager. Von 26 Familienangehörigen wurden 24 ermordet, darunter seine Ehefrau. Nur Kurt Neuwald und sein Bruder Ernst überlebten die Juden-Verfolgung im „Dritten Reich“.

Nach seiner Befreiung aus einem Außenlager des KZ Buchenwald kehrte Neuwald im April 1945 nach Gelsenkirchen zurück, „das er trotz allem als seine Heimat betrachtete“, sagt Judith Neuwald-Tasbach. „Er wollte nirgendwo anders hin.“ Mit anderen Überlebenden schuf er ein jüdisches Hilfskomitee, aus dem die Jüdische Kultusgemeinde Gelsenkirchen hervorging, die Kurt Neuwald ab 1956 leitete und die heute über 400 Mitglieder zählt. Mit der Wiedererrichtung von Einrichtungen deutscher Juden baute Neuwald auch das Betten-Geschäft seiner Familie neu auf. Er heiratete eine ungarische Jüdin, die in der Nähe des Hydrierwerks Gelsenberg in Gelsenkirchen-Horst inhaftiert war. Aus der Firma „Betten Neuwald“ zog Kurt Neuwald sich 1969 nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau zurück.

Ein wichtiger Funktionär

Am 27. Januar 1946 war Kurt Neuwald einer der drei Gründer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe und gehörte seit der Gründung dem Vorstand an, den er von 1963 bis 1994 als Vorsitzender führte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Landesvorstand wurde Neuwald Ehrenvorsitzender des Landesverbandes.

Seit 1951 gehörte Kurt Neuwald als Mitbegründer auch dem Direktorium des Zentralrates der Juden in Deutschland an, in dem er Finanzdezernent (1969-1982) und Mitherausgeber der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (1973-1976) war. Erst 1994 gab er seine Funktionen im Direktorium des Zentralrates auf.

Am 29. September 1994 wurde Kurt Neuwald schließlich auf Vorschlag des Gelsenkirchener Oberbürgermeisters Kurt Bartlewski vom Rat der Stadt zum Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen ernannt. Der Festakt fand am 23. November 1994, dem 88. Geburtstag Kurt Neuwalds, in Anwesenheit des damaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, statt.

Kurt Neuwald erhielt darüber hinaus zahlreiche weitere Auszeichnungen: das Bundesverdienstkreuz erster Klasse (1958), das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1978), den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (1986) und schließlich 1999 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

 
 

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