Gelsenkirchen

Nach Ärger um Dortmunder Tatort: Skurriles historisches Schreiben zeigt unglaubliche Parallele in Gelsenkirchen

Der Dortmunder Tatort spielt mit den üblichen Revier-Klischees.
Der Dortmunder Tatort spielt mit den üblichen Revier-Klischees.
Foto: WDR/Thomas Kost

Gelsenkirchen. Das Klischee stirbt zuletzt. Niemand weiß das so gut, wie die Menschen im Revier.

Jaja, hier ist alles grau, die Kinder kicken alte Dosen über rußgeschwärzte Straßen und das Sonnenlicht haben wir hier schon seit 100 Jahren nicht mehr gesehen ... so oder so ähnlich stellen sich Menschen das Leben im Pott vor, die nicht von hier kommen.

Dortmunder Tatort: Ulrich Sierau ärgert sich so richtig

Man kann das mit Humor nehmen oder sich richtig drüber ärgern. Für zweites hat sich neulich Dortmunds Oberbürgermeister Ulrich Sierau entschieden.

Die jüngste Folge des Tatorts, die ziemlich hart mit Revier-Klischees spielt, verunglimpfe die Stadt, wetterte Sierau. „Was sich in vorherigen Folgen schon angedeutet hat, lässt sich nach der Folge von Sonntag nur als fortwährendes Mobbing gegenüber einer Stadt, einer Region sowie den dort lebenden Menschen bezeichnen“, so der OB in einem Brief an den Intentanden des WDR, Tom Buhrow.

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„Stecken Sie die Münchener Kommissare in Lederhosen und lassen Sie diese minutenlang Schuhplatteln - es wäre derselbe Effekt, es wäre genauso daneben. Die Macher dieser Folge geben die Menschen einer Region der Lächerlichkeit preis, in dem sie diese Bier trinkend in Trainingsanzügen vor heruntergekommenen Häusern herumstehen lassen. Mehr Klischee geht nicht“, so Sierau weiter.

Tatort in Duisburg: Schimanski als Lokalheiligtum

Grünen NRW-Vorsitzender Felix Banaszak, seines Zeichens Duisburger, schrieb indes bei Facebook: „Als Duisburger habe ich ein Déjà Vu: Als Schimanski 1981 mit Duisburg-Ruhrort startete, überboten sich konservative Parteien und Lokalpresse in ihrer Entrüstung, weil die Stadt als dreckig-grauer Moloch von Trinkern und Gaunern gezeigt worden sei.“ Inzwischen ist Schimanski indes ja so etwas wie ein Duisburger Lokalheiligtum.

+++ Wegen „Tatort“ in der ARD: Dortmunds Oberbürgermeister stinksauer – „Das war Mobbing!“ +++

Ein sehr amüsantes fast 60 Jahre altes Schreiben, das das Gelsenkirchener Institut für Stadtgeschichte bei Facebook gepostet hat, zeigt: Die selbe Debatte hat es 1961 schon einmal gegeben.

Damals hatte der NDR das Lied „Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“ im Radio gespielt. Der Oberstadtdirektor Hans Hülsmann hatte sich in einem Brief an den NDR-Intendanten erheblich echauffiert: Die Sendung sei „dem Ansehen der Stadt Gelsenkirchen“ abträglich.

Gelsenkirchen: Pressluft statt Atemluft

Liedermacher Georg Kreisler verarbeitet in dem Stück ironisch sämtliche Klischees, mit denen Ruhrgebietsstädte so zu kämpfen haben. Da heißt es zum Beispiel: „Fahren auch Sie, statt an die Riviera, im Urlaub zu uns! Statt der Seeluft atmen Sie Pressluft Oder Kohlendioxyd! Unsere Hochöfen sind im strengsten Winter warm – Schließen Sie Freundschaft mit unserem Gelsenkirchener Charme!“ Offenbar zu viel für den Oberstadtdirektor.

Der Brief, den das Institut für Stadtgeschichte nun wiederum veröffentlicht hat, stammt von Fritz Libuda - adressiert an eben jenen Oberstadtdirektor. Er mahnt zu mehr Gelassenheit. „Meine Frau und ich haben jene Sendung ebenfalls gehört und wir haben uns über den Text des Gelsenkirchener Duetts köstlich amüsiert“, schreibt Libuda. Und weiter: „Es wäre traurig um uns bestellt, wenn wir alle so humorlos wären, wie Sie es offensichtlich sind.“

Fritz Libuda macht es schon ganz richtig. Das Klischee lebt sowieso für immer weiter - jaja, hier ist alles grau, die Kinder kicken alte Dosen über rußgeschwärzte Straßen und das Sonnenlicht haben wir hier schon seit 100 Jahren nicht mehr gesehen ... wir wissen es besser, oder?

 
 

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