Die Trauer bekommt hier ein Gesicht

Anne Bolsmann
Im Lavia-Institut für Familientrauerbegleitung sprechen die Jugendlichen unter der Leitung von Mechthild Schroeter-Rupieper (li.) über ihre Erfahrungen. Foto: Olaf Fuhrmann
Im Lavia-Institut für Familientrauerbegleitung sprechen die Jugendlichen unter der Leitung von Mechthild Schroeter-Rupieper (li.) über ihre Erfahrungen. Foto: Olaf Fuhrmann
Foto: WAZ FotoPool
Im Ückendorfer Lavia-Institut treffen sich Jugendliche, um über ihre Erfahrungen mit dem Tod zu sprechen.

Gelsenkirchen. Es sind Momente wie dieser: Da fällt am Heiligen Abend ein vier Monate altes Baby wegen eines Infekts ins Koma und stirbt kurz darauf im Krankenhaus, und die Eltern wissen nicht, wie sie den größeren Geschwistern (5 und 7) klar machen sollen, dass ihre Schwester nicht mehr mit nach Hause kommt. An Weihnachten!

Das Krankenhaus drückt ihnen die Nummer von Mechthild Schroeter-Rupieper in die Hand. Und die eilt herbei, noch in den Abendstunden, weil sie kurz darauf in den Urlaub fahren will. Trauer kommt oft plötzlich und kennt keine festen Beratungszeiten. Trauer kennt keine Freistunden am Wochenende und keinen Urlaub am Strand. Die Trauer ist plötzlich da, duldet keinen Aufschub. Und wer gerade den Tod eines geliebten Menschen erlebt hat, der mag nicht nachdenken darüber, ob die schnelle Hilfe für das gebrochene Herz Geld kostet. Deshalb ist Mechthild Schroeter-Rupieper, die sich mit dem Institut für Familientrauerbegleitung Lavia an der Ückendorfer Straße selbstständig gemacht hat, froh, dass sie auf Mittel des Fördervereins Trauerbegleitung e.V. (siehe unten) zurückgreifen kann.

Kein Ehrenamt

Denn auch wenn sie ihre Aufgabe gern macht, hat sie Unkosten, muss Anfahrt und Mitarbeiter bezahlen. Ihre Trauerbegleitung ist ihr Beruf, kein Ehrenamt. Doch die Geldfrage soll nicht im Weg stehen, wenn Menschen ihrer Trauer Luft machen müssen.

Damit es nicht bei der akuten Beratung bleibt, bietet Mechthild Schroeter-Rupieper darüber hinaus diverse Trauergruppen für Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters, aber auch für die plötzlich wieder als Single lebenden Elternteile und für Großeltern an. Wer hier teilnimmt, sitzt automatisch mit den anderen im selben Boot. Denn alle haben den Tod hautnah erlebt. Doch wer sich die Trauergruppen jetzt als Trauerspiel vorstellt, liegt falsch. Hier wird locker erzählt und viel gelacht. Und alles ist sehr entspannt. Wir treffen an einem Abend auf acht Jugendliche zwischen 8 und 16 Jahren, die jung Vater oder Mutter verloren haben und sich in der gemütlichen Küche des Lavia-Instituts ein Mal im Monat treffen, um über Erinnerungen und Gefühle zu sprechen.

Ein Koffer voller Erinnerungsstücke

Gleich zu Beginn wird ein Würfel herumgereicht, mit einem Herz, einem Blitz, einer Sonne und Wolken – und jeder darf sich aussuchen, welches dieser Symbole seine Stimmung gerade widerspiegelt. Und schon ist man mittendrin im Austausch, der rote Faden des Abends wird einfach hineingewebt: Mechthild Schroeter-Rupieper hat einen riesigen Koffer mit Erinnerungsstücken vollgepackt. Und jeder Besucher darf sich ein Stück, das ihn an den verstorbenen Elternteil erinnert, heraussuchen. Dann darf er dazu seine Geschichte erzählen, erst in Kleingruppen, dann vor der ganzen Runde.

„Ich habe diesen Engel ausgesucht, weil genau so einer bei uns zu Hause neben Mamas Bett steht und uns an sie erinnert“, sagt die schüchterne Jette (8). Und Anna (12) hat den Locher gewählt, „weil mein Papa immer so viel gearbeitet hat. So ein Locher stand auch auf seinem Schreibtisch.“ Ihr Bruder Max (15) nickt zustimmend. Er hat sich eine kleine Spielzeugkamera gegriffen, weil diese ihn an die schönen Bilder erinnert, die bei einem Urlaub in Italien entstanden sind. „Damals, als Papa noch mit dabei war.“ Und während einem als Betrachter die Geschichten sofort ans Herz gehen, erzählen die Jugendlichen ganz ohne Pathos. Sie haben hier in der Gruppe gelernt, über ihre Erfahrungen und Sorgen zu sprechen, aber auch lustige Momente und schöne Erinnerungen nicht auszublenden. „In meinem Freundeskreis reden wir nicht oft über den Tod, hier ist das ganz normal, weil alle sich damit auskennen“, sagt Kyra (13), die extra aus Oberhausen anreist und hier auf Kinder aus Gelsenkirchen, Bochum und Mülheim trifft. Ihre Trauer bekommt hier ein Gesicht. Aber kein trauriges. . .