Die Mutter aller Rettungskapseln

Jörn Stender
Beim Grubenunglück im Mai 1955 konnten in Gelsenkirchen drei eingeschlossene Bergleute erstmals mit einer Rettungskapsel befreit werden. Sie saßen fünf Tage lang in einem Blindschacht fest.  Der Name Dahlbusch-Bombe entstand erst Jahre später. Begeistert wurde die Rettung von  Martin Sander (34), Manfred Arlt (18) und Heinz Krause (33) gefeiert. Foto: Bergbausammlung Rotthausen.
Beim Grubenunglück im Mai 1955 konnten in Gelsenkirchen drei eingeschlossene Bergleute erstmals mit einer Rettungskapsel befreit werden. Sie saßen fünf Tage lang in einem Blindschacht fest. Der Name Dahlbusch-Bombe entstand erst Jahre später. Begeistert wurde die Rettung von Martin Sander (34), Manfred Arlt (18) und Heinz Krause (33) gefeiert. Foto: Bergbausammlung Rotthausen.
Foto: WAZ

Der Weg zurück ins Leben führt durch eine schier endlos lange, enge Röhre mitten hinein in die Wüste. 622 Meter lang ist das Bohrloch, durch das 33 verschüttete chilenische Bergleute bis spätestens Freitag befreit werden sollen.

Nach dem Einsturz einer Gold- und Kupfermine sitzen sie seit dem 5. August in fast 700 Metern Tiefe fest. Herausgeholt werden sie mit einem torpedoförmigen Drahtkäfig, – dem hochgerüsteten Nachfolger der Dahlbusch-Bombe. In Gelsenkirchen kam das Rettungsgerät erstmals zum Einsatz. Nach fünf hochdramatischen Tagen im Mai 1955 wurden drei Kumpel aus fast 850 Meter Tiefe mit dem Rettungsgerät befreit.

Das Deutsche Museum in München und das Bergbaumuseum in Bochum haben zwei der raren Bomben-Originale. Nummer drei hängt im Treppenhaus der GfW. Die Gesellschaft für Wohnungsbau residiert am Grüner Weg 1 in der Ex-Dahlbusch-Verwaltung. Und Geschäftsführer Wilhelm Tax hat eine besondere Beziehung zur Zeche und der Dahlbusch-Bombe. Als junger Ingenieur war er für die Berechnung der Zielbohrung zuständig. „Gott sei Dank ist das gelungen damals“, sagt er. Schwarz-weiß Bilder zeigen die überglücklichen Martin Sander, damals 34, Manfred Arlt, 18, und Heinz Krause, 33, nach der Rettung. Allein Krause fuhr später wieder ein. Er ist verstorben, auch Sander ist tot. Arlt lebt in Australien.

In der Bergbausammlung Rotthausen begnügt man sich mit einem Nachbau. Detailgetreu, wohlgemerkt. 38 Zentimeter Durchmesser hat die 2,50 Meter lange Rettungsröhre. Karlheinz Rabas hat sie zur Anschauung fertigen lassen. Und er hat die Geschehnisse von damals aufgedröselt.

1955 war ein Jahr der schweren Grubenunglücke in Gelsenkirchen: Im Juni starben 14 Bergleute auf Nordstern, im August forderte ein Unglück auf Dahlbusch 42 Opfer. Glücklich endete allein die Rettungsaktion, die tief unter der Wembkenstraße begann. Am Samstag, 7. Mai, kam es um 18 Uhr zur Katastrophe. Drei Kohlenhauer, die im Flöz Wilhelm am alten Blindschacht 8 zwischen der 10. und 11 Sohle arbeiteten, wurden verschüttet. Sie saßen fest – 42 Meter über der 11. Sohle.

Versorgungskartuschen mit Getränken

Eine Sprech- und Druckluftverbindung wurde durch hereinbrechendes Gestein zerstört. Es war klar: Dem Trio würde bald der Sauerstoff ausgehen, eine langwierige Rettung über die Schachtzugänge war nicht mehr möglich. Am 9. Mai fiel die Entscheidung: Über ein Bohrloch sollten die Eingeschlossenen Lebensmittel und Luft bekommen. Und auch gerettet werden. Um 17.55 Uhr war die 16 PS starke Bohrmaschine vor Ort auf der 11. Sohle, erstmals wurde im Bergbau von unten nach oben gebohrt. 143 mm stark war das erste Bohrloch, ausreichend, um Versorgungskartuschen zu den drei Hauern hochzuschieben. Mit einer weiteren Großbohrmaschine wurde die Verbindung schließlich in zwei Durchgängen nach vier Tagen und 18 Stunden auf 406 mm aufgeweitet. Breit genug, um Menschen zu bergen.

Zwei Millimeter starke Blech-Konstruktion

Zeitgleich ging es an die Konstruktion des Rettungsgeräts aus Blech mit verstärktem Boden und Kopfteil. Ein kräftiger, mittelgroßer Mann sollte hinein passen, eine Seilkonstruktion für Vor- und Rücktrieb sorgen. „Nach insgesamt 125 Stunden Konstruktion, Fertigung und Vorbereitungen konnte mit der Bergung begonnen werden“, so Rabas. Willi Kipp, Oberführer der Grubenwehr, ließ sich schließlich zu den drei Männern hochziehen und half ihnen in den Rettungszylinder. Am 12. Mai 1955, 22 Uhr, hatte sie das Leben wieder.