Die Angst vor dem Abschalten der Pumpen

Irene Stock
Volles Haus in der Gesamtschule Horst: 300 Besucher kamen zur Veranstaltung, auch aus anderen Revierstädten, um sich über die Situation „Giftmüll unter Tage“ zu informieren.
Volles Haus in der Gesamtschule Horst: 300 Besucher kamen zur Veranstaltung, auch aus anderen Revierstädten, um sich über die Situation „Giftmüll unter Tage“ zu informieren.
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen. „Unsere Kinder und Enkel klagen an! Tickende Giftmüllbombe unter dem Ruhrgebiet“: 300 Zuhörer kamen zu der Informationsveranstaltung von Wahlbündnis und Kumpel für AUF in die Gesamtschule Horst. Mit der Ankündigung von Stadträtin Monika Gärtner-Engel, sie werde über ihre Akteneinsicht bei der Stadt berichten, erhielt die Veranstaltung Zündstoff. Verletze sie ihre Verschwiegenheitspflicht, drohe ihr ein Ordnungsgeld in Höhe von 250 Euro, hatte ihr das Büro des Oberbürgermeisters drei Tage vor der Veranstaltung mitgeteilt.

Die Angst ist zu spüren

Viele Bürger aus (ehemaligen) Bergbaustädten äußerten ihre Sorgen. „Will man die Gifte unter Tage durch die Flutung der Stollen verschwinden lassen, damit man die Ruhrkohle AG nicht mehr als Verursacher identifizieren kann?“, fragte ein Zuhörer sarkastisch. Die Angst geht um, dass mit dem von der RAG angekündigten Abschalten der Pumpen (aus Kostengründen) das Grubenwasser steigt, die Giftstoffe an die Oberfläche gespült, das Trinkwasser und die Ackerböden verseucht werden.

Das schilderte der Landwirt Hermann Schulze-Bergcamen aus Bergkamen am Samstag, er liege seit zwölf Jahren „im wirtschaftlichen Krieg mit dem Bergbau“. In der Nähe seines 180-Hektar-Bauernhofes sei Schacht Grillo, wo 166 000 Tonnen Müll lägen. Auf den vernässten Stellen in seinen Feldern wachse nichts mehr.

Prinzip des vollständigen Einschlusses

Auch in den Bergwerken Walsum, Consol und Haus Aden/Monopol sind von 1989 bis 2004 700.000 Tonnen Sondermüll nach dem Prinzip des vollständigen Einschlusses verbracht worden. Aufgrund der Verbundbergwerke wurde „der Müll flächendeckend eingelagert – und es war erlaubt“, sagte Christian Link von Kumpel für AUF. Landesbehörden und RAG beriefen sich seinerzeit auf eine Machbarkeitsstudie, laut der das Verfahren unbedenklich sei; genehmigt wurde die Einlagerung allerdings erst 2002 per Versatzverordnung.

Gelsenkirchen betrachtete eine Sonderdeponie auf Hugo/Consol kritisch. Das geht aus den Unterlagen hervor, die Gärtner-Engel einsah. So forderte die Stadt im März 1993 das Bergamt auf, „die Verbringung von Flugaschen, Stäuben und Rauchgasreinigungsrückständen aus Hausmüllverbrennungsanlagen … auf der Schachtanlage Consolidation sofort zu stoppen und alle bisherigen Versuchsergebnisse von einem unabhängigen Gutachter überprüfen zu lassen“, heißt es in einer Vorlage für den Umweltausschuss. „Dem stimmten CDU, SPD und Grüne im Rat zu“, berichtete Gärtner-Engel. Eine Resolution und klare Absage an die RAG und die Landesregierung folgte nicht. Stadt und Politik seien im Laufe der Jahre auch aufgrund der politischen Konstellation in Düsseldorf „eingeknickt“, so Monika Gärtner-Engel.