Der Tag, an dem die Bücher brannten

Peter Rose las Erich Kässtner.
Peter Rose las Erich Kässtner.
Foto: WAZ
Erich Kästner war ein politischer Mensch, was seine Erfolgswerke für die junge Leserschaft, etwa „Emil und die Detektive“ oder „Pünktchen und Anton“, allzu leicht vergessen machen. Der politische Erich Kästner war Thema im Steinbruch Demokratie. Peter Rose las aus Kästners „Über das Verbrennen von Büchern“.

Gelsenkirchen.. Vergessen – ein gutes Stichwort, um zum politischen Zeitzeugen Erich Kästner überzuleiten. Der dabei war, als Joseph Goebbels am 10. Mai 1933 von Studenten in SA-Uniform ein apokalyptisches Volksfest inszenieren ließ: die Bücherverbrennung. Seine eigenen Werke gingen dabei auf dem Berliner Opernplatz in Flammen auf.

Vom Container in die Buchhandlung

„Über das Verbrennen von Büchern“ ist der Titel eines optisch kleinen aber inhaltlich starken Büchleins mit Texten des deutschen Schriftstellers und Drehbuchautoren zu dieser Hinrichtung des in Worte gefassten freien Geistes von Schriftstellern, Philosophen, Theologen ... Exakt 80 Jahre später las Gelsenkirchens ehemaliger Kulturdezernent Peter Rose aus dem Buch Kästners.

Da der Kultur-Container Steinbruch Demokratie zu klein für die interessierte Zuhörerschaft war, wurde die Lesung kurzerhand in die Bücherei Junius verlegt.

Verdrängung auch in Geschichtsbüchern

„Wenn von der Vergangenheit geredet wird, muss immer auch über Zukunft gesprochen werden“, sagte Rose. Der dann in der folgenden Diskussion fest stellte: „Bevor wir die 68er hatten, wurde so getan, als hätte es die Zeit zwischen 1933 und ‘45 nicht gegeben.“ Die 1950er Jahre seien eine schlimme Zeit gewesen, in der merkwürdige Dinge passiert seien, meinte der heute 77-Jährige. Und bezeichnete das als Verschleierungsdunst.

Erwähnter Verdrängungsaspekt wurde später im Gespräch noch einmal am Beispiel Schulgeschichtsbücher bestätigt. Viel Antike, ein bisschen Weimarer Republik – Ende. Und plötzlich begann das Kapitel Bundesrepublik Deutschland.

Noch 1965 brannten Kästners Bücher

„Kann man Bücher verbrennen?“ Am 9. Mai 1947 hat Erich Kästner unter dieser Überschrift „Zum Jubiläum einer Schandtat“ einen Text verfasst. Die ausführlichere Variante gab es am 10. Mai 1953, dem 20. Jahrestag der Bücherverbrennung, als Kästner auf der Hamburger P.E.N.-Tagung über das Thema sprach. Da allerdings noch nicht ahnend, dass seine Bücher noch einmal in den Flammen landen sollten: 1965 verbrannte der „Bund Entschiedener Christen“ in Düsseldorf seine Werke.

Eine Zuhörerin meinte: „Wir haben einen ganz massiven Demokratieverlust.“ Es gab aber auch die andere Meinung. „Man kann nicht die Situation vor ‘33 mit heute vergleichen. Das wäre historisch nicht korrekt.“

 

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