Der Schalke-Virus

Inge Ansahl
Foto: WAZ FotoPool
In dem von Matthias Berghöfer herausgegebenem Fan-Buch kommen echte Fans zu Wort und erinnern an ihre besonderen Schalker Episoden.

Gelsenkirchen. Über sie ist viel geschrieben worden. Auch über diesen speziellen Virus, der – einmal infiziert – ein Leben lang jeder noch so harten Ergebnis-Medizin widersteht. Jetzt kommen sie selbst zu Wort, die Schalke-Fans aus Gelsenkirchen und anderswo. Die, die das königsblaue Fieber gepackt hat.

Große und kleine Geschichten aus der wechselvollen Zeit der Knappen, erlebt in den Nachkriegsjahren oder in der Neuzeit, amüsant, spritzig, mit einer Portion Melancholie und königsblauem Durchhaltehumor gewürzt: Das alles steht gebündelt in dem jetzt erschienenen Taschenbuch „Schalke is wie wennze fliechs“.

Herausgeber Matthias Berghöfer hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, eine Sammlung mit 1904 Schalker Geschichten zu erstellen. Eine Auswahl von 39 Episoden, verfasst von völlig unterschiedlichen Autoren aller Generationen, sind auf 142 kurzweiligen Seiten nachzulesen.

Eine Hommage an den Vater

Da erinnert sich Thomas Wings an die Fahrt nach Meppen anno 1989. „Da waren wir arroganten Schalker also nun auf dem Weg in die Niederungen der Provinz. Und zwar im Begriff einer grandiosen Aufholjagd zur Verhinderung des direkten Durchmarsches in Liga drei.“

Na ja, dazu kam es nicht: In der letzten Minute schoss Ingo Anderbrügge das erlösende 3:1. Meppen, „eine absurde Stadt, die man ohne Schalke sicher nie besucht hätte“, hat sich bei Wings als tolles Erlebnis eingeprägt.

Es ist eine Hommage an seinen Vater, die Henning Mann verfasste. Noch heute hat er die Eintrittskarte zum Heimspiel 1989 gegen Blau-Weiß 90 Berlin: Block C, Vater-und-Sohn-Ticket, 10 DM. Es war die Stadion-Premiere des Knaben. Von seinem Vater habe er gelernt, schreibt Mann, „dass auf Schalke gehen eben mehr ist, als 90 Minuten Fußball zu gucken“.

Berliner Eigenarten

Was Autor Christoph Hümmeler in seinem Beitrag „Berliner Erwachen“ quasi bestätigt. Er war mit dem Motorrad zum Pokalfinale 2005 nach Berlin gereist, Zelt und Schlafsack fest vertäut im Gepäck. Nach dem Spiel und ausführlichem Genuss des Berliner Nachlebens hat er sich neben seinem Krad im Schlafsack zur Ruhe begeben. „Hier schien die Haute Volée zu residieren ...“ hatte er sich bei der Ankunft eingeprägt.

Dann weckte ihn – ein Polizist. „Sie sollten sich dort rüber in den Schatten legen, hier in der Sonne ist es nicht so angenehm.“ Als es für den völlig perplexen Schalker dann auch noch Kaffee, O-Saft und ein paar Stullen aus dieser zugegebenermaßen sehr schönen Villa gab, war Hümmeler völlig baff. „Hätten sie mich nicht andauernd auf die Niederlage von Schalke angesprochen, ich glaube, ich wäre auf dem Grünstreifen eingezogen.“

Nach der Kriegsgefangenschaft wieder auf dem Platz

An die Rettung, die in der Saison 1948/49 aus Russland kam, kann sich Karl Hanisch noch gut erinnern. Es war eine Saison, „in der wir bis auf den letzten Platz abrutschten. Zum ersten Mal spürte ich, der ich gerade zehn Jahre alt war, was Schalke für die Fans, für mich bedeutete.“ Man zitterte – aber die Rettung kam: Hermann Eppenhoff und Walter Zwickhofer standen kurz nach ihrer Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft auf dem Platz ...

Der Leser erfährt, warum ein auf dem Standstreifen der A 42 geparkter Mercedes nicht abgeschleppt wurde, warum ein amerikanischer Traum ein Traum blieb, wie zwei 14-Jährige speziellen Schalker Schutz erfuhren und vieles mehr.
„Mit Schalke is, wie wennze fliechs“, M. Berghöfer, Verlag die Werkstadt, ISBN978-3-89533827-4, 9,90 Euro.