Depressionen - Wenn innere Leere das Leben bestimmt

Eine Frau (27) aus Gelsenkirchen, die an Depression erkrankt ist, berichtet anonym über ihre Erfahrungen.
Eine Frau (27) aus Gelsenkirchen, die an Depression erkrankt ist, berichtet anonym über ihre Erfahrungen.
Foto: WAZ
Eine Gelsenkirchenerin erzählt von ihren Erfahrungen mit der Krankheit Depression. Der Weg aus der Tristesse scheint schier unendlich.

Gelsenkirchen.. Nach Aussagen von Medizinern, erkrankt jeder fünfte Deutsche einmal im Leben an einer Depression - Tendenz steigend. In Gelsenkirchen ist der Ausfall von Arbeitnehmern aufgrund einer Depression im NRW-weiten Vergleich dazu überdurchschnittlich hoch.

Doch obwohl die krankhafte Melancholie mittlerweile als Volkskrankheit gilt und immer mehr prominente Beispiele verdeutlichen, dass Depressionen bis zum Freitod führen können, ist die Scham offen darüber zu sprechen weiterhin groß.

Wie unter einer Käseglocke

Die Gelsenkirchenerin Martha Jung (Name von der Redaktion geändert) möchte nicht länger schweigen: „Ich weiß nicht genau wann es anfing. Es kam schleichend und hat mich gefangen genommen. Irgendwann fühlte ich mich nur noch wie unter einer Käseglocke, von allem ausgeschlossen. Meine Stimmung änderte sich innerhalb weniger Minuten radikal. Die meiste Zeit habe ich nur geweint und mich jeden Tag gefragt warum ich überhaupt da bin - ein Grund fiel mir nicht ein. Da war ich 25.“

Die heute 27-Jährige brauchte Zeit, um sich ihrer Krankheit bewusst zu werden. „Ich dachte immer ich wäre einfach so. Zum Scheitern verurteilt. Ein Taugenichts.“

Schulabbruch aus Versagensangst

Die hübsche Gelsenkirchenerin ging aufs Gymnasium, doch schon in der Schule quälten sie Selbstzweifel. „Ich hatte immer Angst vor Klausuren, Angst einfach nicht gut genug zu sein. In der 13 konnte ich dann einfach nicht weitermachen. Ich habe das Abitur abgebrochen, weil ich befürchtete, es nicht zu schaffen.“ Auch ihre Familie gab der jungen Frau während schwerer Zeiten keinen Halt. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie elf Jahre alt war, es folgte ein rücksichtsloser Sorgerechtsstreit. Von da an lebten sie und ihr drei Jahre älteren Bruder bei der Mutter, der Vater ging zurück in die ehemalige Heimat Polen.

"Meine Mutter hat sich nie für uns interessiert, ich hatte immer das Gefühl, ich bin ihr egal. Mein Bruder war mir gegenüber sehr aggressiv, hat mich geschlagen. Ich habe sie trotzdem immer geliebt, dachte immer, es liegt an mir“, erzählt Martha Jung, den Tränen nahe. Als Jugendliche redete sie mit niemanden über ihre Pein, wirkte nach außen immer fröhlich und gut gelaunt, doch innerlich zerbrach sie von Tag zu Tag mehr.

Erneut gescheitert

Sie fing an sich zu übergeben. „Das gab mir irgendwie Energie, aber mit 20 habe ich damit aufgehört, weil ich so schlimmen Haarausfall bekam.“ Während dieser Zeit arbeitete sie bei einer Fast-Food-Kette, immer im Hinterkopf beruflich noch etwas erreichen zu wollen. „Ich habe dann versucht mein Abi nachzuholen und bin wieder gescheitert. Das hat mich noch weiter runtergezogen. Der Zeitdruck während der Klausuren macht mich einfach fertig. Ich bin bei allem etwas langsamer als andere.“ Noch heute wohnt die Gelsenkirchenerin bei ihrer Mutter und ihrem neuen Ehemann, doch Liebe und Verständnis sucht sie hier vergeblich.

„Meine Mutter schämt sich für mich. Ich möchte unbedingt ausziehen, aber schaffe es einfach nicht alleine. Das versteht keiner - wie so viele andere Dinge auch nicht. Die Leute sagen dann Sachen wie ,Ich habe auch viel Stress in der Uni, aber muss damit umgehen’ oder ,Zieh doch einfach aus, wenn es dir zu Hause nicht gut geht’. Aber niemand versteht, dass bei mir nichts ,einfach’ geht. Und meine Oma empfiehlt mir, zu Gott zu beten. Niemand begreift meine Traurigkeit, diese quälende innere Leere, die Einsamkeit. Nichts in meinem Leben macht mich glücklich.“ Das Gefühl der Verzweiflung wuchs immer weiter.

Nach einer stationären Therapie ist weiter Unterstützung nötig

Vor zwei Jahren wurde Martha Jung von einer Arbeitsvermittlerin eine Psychiaterin empfohlen, diese schickte sie dann für sechs Wochen in stationäre Behandlung. „Ich war so froh, dass jemand überhaupt gesagt hat, dass ich krank bin und dass es eine Chance gibt diese innerliche Leere vielleicht zu beseitigen. Ich hatte damals einen totalen Zusammenbruch.“ Das ist nun ein Jahr her, heute geht es der jungen Frau immer noch nicht gut, sie ist auf der Suche nach einem Therapeuten, der sie weiter begleitet und lebt immer noch bei der Mutter und dem ungeliebten Stiefvater.

„Ich will ausziehen und eine Ausbildung machen, doch das schaffe ich nur mit professioneller Hilfe.“ Eine wichtige Einsicht, die nicht alle an Depressionen erkrankten Menschen haben. Zu der Frage warum heute immer mehr Menschen an Depressionen leiden, hat Martha Jung eine klare Meinung: „Es gibt kaum noch Halt, jeder lebt für sich, in einer Gesellschaft in der nur die Karriere zählt, nur was du machst und nicht wer du bist.“

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