Den klassischen Nazi mit Glatze und Springerstiefeln gibt es nicht mehr

In Gelsenkirchen gibt es regen Widerstand gegen Nazis. Doch wie die aussehen, ist auf den ersten Blick nicht mehr erkennbar.
In Gelsenkirchen gibt es regen Widerstand gegen Nazis. Doch wie die aussehen, ist auf den ersten Blick nicht mehr erkennbar.
Foto: WAZ FotoPool
Der Journalist und Autor Toralf Staud zeichnete bei seinem Vortrag in der Flora ein neues Bild der Nazis. Auch Pro NRW widmete er sich, weil die Partei in Gelsenkirchen im Rat vertreten ist. Seine These: Den klassischen Nazi mit Springerstiefeln und weißen Schnürsenkeln gibt es nicht mehr.

Gelsenkirchen. „Vergessen Sie die Springerstiefel.“ Dieser erste Satz von Autor und Journalist Toralf Staud ist bezeichnend für die, die er die „neuen Nazis“ nennt. Der klassische Nazi mit Glatze und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln – ihn gibt es nicht mehr. Das rechte Lager hat sich aufgeteilt und keines ähnelt der Optik der 1990er Jahre.

Kaum unterscheidbar

Ein Problem, das damit einhergeht, sei es, Rechtsradikale zu erkennen, sagt Staud. Selbst die radikalsten Aktivisten würden in schwarzen Kapuzenjacken, Kappies und Sonnenbrillen auftreten – ein Laie könne sie kaum von linken Gegendemonstranten unterscheiden. Und so wie ihrem Aussehen, hätten sie auch ihren Inhalten einen neuen Look verpasst.

Dabei aber müsse man unterscheiden: „Es gibt die aggressiven, Hitler verehrenden Autonomen Nationalisten, die ihren Ursprung in Dortmund haben und vor Brutalität gegenüber ethnischen Randgruppen, Polizisten oder kritisch berichtenden Journalisten nicht zurückschrecken“, erklärt Staud.

Nach außen zurückhaltend

Im Publikum nicken drei Jugendliche. Sie sind Mitglieder der Falken und waren selbst auf einigen Demos gegen rechts. Falken-Vorsitzender Paul Martin Erzkamp weiß: „Sie kennen die Situation, waren Opfer dieser Gewalt. Da reicht es manchmal, wenn man bunte Haare hat.“ Zum Glück, sagt Erzkamp, habe diese Gruppe in Gelsenkirchen keinen Fuß in großem Stil fassen können. „Es gibt hier drei bis vier AN, die sind aber nicht in der Stadt, sondern eher überregional vernetzt.“

Anders sehe es mit Rechtspopulisten aus. „Mit denen haben Sie ja auch ihre besondere Freude“, richtet sich Staud an sein Publikum (im Rat der Stadt sitzen drei Abgeordnete von Pro NRW). Dieses Bündnis würde sich nach außen zurückhaltend geben, zum Grundgesetz bekennen und eine Israel-Freundlichkeit beteuern.

Eine Herausforderung für die Stadt

Auf der anderen Seite schafften sie mit dem undifferenziert verwendeten Begriff der „Muslime“ ein pauschaliertes Feindbild, vermischten Missstände, machten etwa soziale Probleme zu einem Kulturellen. „Es folgt immer der Logik, hier die deutsche Leitkultur, da die fremde Kultur mit rückständigen Ritualen. Und schon steht jeder Muslime unter Verdacht, seine Frau zu schlagen“, erklärt Staud. Der Erfolg der Partei gehe daraus hervor, dass sie inhaltliche Lücken besetze, die andere nicht ansprechen.

Auch Erzkamp sieht hier das Problem: „Pro NRW hat in Gelsenkirchen in manchen Bezirken eine Zustimmung von 10 Prozent, laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sogar ein Potenzial von 30 Prozent. Für die Stadt ist das eine besondere Herausforderung, weil es noch keine wirkliche Lösung gegen den Einfluss von Pro NRW gibt.“

Die Rolle der Frau

Mit Beate Zschäpe sitzt im NSU-Prozess eine Frau auf der Anklagebank, die nicht nur das „braune Heimchen“ der Terrorzelle, sondern auch logistische Strategin war. Sie nimmt damit eine Rolle ein, die laut Autor Toralf Staud in rechtsradikalen Kreisen eher ungewöhnlich ist. Die Aufgabe der Frau, sagt er, sei eher die der Kümmererin, in den rechtsradikalen Kadern spielten sie indes keine Rolle – auch wenn die Zahl der Frauen in rechtsradikalen Organisationen gestiegen sei. „Sie übernehmen Hilfstätigkeiten oder werden gezielt auf Flugblättern abgebildet und dafür eingesetzt, die Organisation freundlicher erscheinen zu lassen“, erklärt Staud.

Dennoch, so berichtet ein Mitglied der Falken, gebe es längst auch Frauen, die auf Demonstrationen in der ersten Reihe stehen, schlagen und gegen andere Frauen hetzen. „Besonders in Wuppertal agiert eine sehr aktive Frau“, ergänzt Paul Erzkamp. Der große Unterschied zu Männern sei laut Staud die fehlende Organisation: „Es gibt keine rechten Frauen-Gangs.“

 
 

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