Das Ende des Genuss-Geschäfts

Jörn Stender
Foto: WAZ FotoPool
Claudia Völker schließt im März ihr Lokal für Kaffee- und Teespezialitäten in der Altstadt und beendet damit auch 175 Jahre Grewer-Geschichte.

Gelsenkirchen. Teak-Gestühl flankiert die Eingangstür, im Lokal brennen Kerzen, der Duft von frisch geröstetem Kaffee füllt die Luft, Musik beschallt den Raum, die Espressomaschine, eine silbrig glänzende Faema E 61 wartet auf ihren ersten Einsatz. Selbst gebackener Kuchen steht auf der Theke unter einer Glashaube, an der Preistafel werden belegte Ciabatta und die ganze Vielfalt der Café-Kreationen offeriert. Alles wie immer so kurz vor Ladenöffnung. Und doch nicht so ganz.

Die Zeichen bei Grewer stehen auf Abschied. Die kleinen Hinweise an der Hauptstraße 11 sind deutlich. „Verkauft“-Zettelchen kleben am Inventar. Die soliden Sitzbänke und auch die nostalgisch-schönen Kaffee-Urnen haben neue Besitzer gefunden. Auch haben sich die Regale mit Tee und Kaffeespezialitäten in den letzten Tagen geleert. „30 % Rabatt“ räumt ein Schildchen ein. Zehn bis 13 Kaffeesorten, darunter die spezielle Grewer Hausmischung, und 130 verschiedene Tees gehörten hier früher zum Sortiment. Jetzt sind nur noch Reste da. Und dann ist da der Schließungs-Hinweis im Schaufenster.

175 Jahre lang war Grewer in der Stadt vertreten, zunächst mit einem Kolonialwarengeschäft, später mit einem Kaffee-, Tee- und Schokoladehandel. Ende März ist nun Schluss mit dem „Genuss mit allen Sinnen“ in der Altstadt – und für Claudia Völker. Nach zehn Grewer-Jahren mit einem Umzug, vielen Hoffnungen, noch mehr Ideen, viel Arbeit, einigen Enttäuschungen und langen Überlegungen macht die 52-Jährige ihren Laden zu. Der Entschluss reifte schon Ende 2010. „Wir haben versucht, einen Nachfolger zu finden. Aber keiner wollte das machen. Nach Gelsenkirchen will keiner kommen und so ein Risiko eingehen“, musste sie erfahren.

„Wir haben versucht, einen Nachfolger zu finden“

Schon vor fünf Jahren stand Claudia Völker am Scheideweg. Am Alter Markt hatte sie fünf Jahre zuvor das Grewer-Geschäft mit seiner langen Tradition übernommen. „Aber das ist ja eine totgelaufene Straße, die langsam abstirbt“, musste sie damals erkennen und sagte sich: „Entweder du machst zu oder probierst es noch einmal.“ Die 52-Jährige gehört wohl zu den optimistischeren Typen, zu denen, die ihre Zukunft anpacken, die neugierig geblieben sind. Und so wagte sie den Neuanfang an der Hauptstraße, im neuen Umfeld. Doch das gleicht immer mehr dem alten am Alter Markt. Sprich: der Kundendurchlauf sinkt, das Niveau auch. Die Perspektiven wurden aus Völkers Sicht immer schlechter für einen Laden wie ihren.

Hinzu kam das ein oder andere Frusterlebnis, bevorzugt ausgelöst durch die Verwaltung. „Man hat nicht das Gefühl, dass die Stadt am Einzelhandel vor Ort sonderlich interessiert ist“, sagt sie und erzählt ein für sie typisches Beispiel: Über Monate hatte sie sich für einen behindertengerechten Zugang mit kleiner Rampe zu ihrem Lokal bemüht. „Das Einzige, was kam, war eine Reaktion vom Bauordnungsamt, dass einiges mit der Außenanlage nicht stimme.“ Also musste sie die Fassadenbeschilderung anpassen. „Das kostete viel Geld und Energie, die man man auch weiß Gott besser hätte nutzten können.“ Der Zugang ins Café führt übrigens immer noch über eine unangenehm hohe Stufe. . .

Kehraus mit Abrissparty im leeren Laden

Die letzte Märzwoche hat Claudia Völker nun für den Kehraus an der Hauptstraße 11 vorgesehen. Unterstützt wird sie dabei wie auch zuvor im Laden von ihrem Mann und den Kindern. „Ich gehe genauso laut wie ich gekommen bin“, sagt sie und will mit „lieben Kunden noch eine Abrissparty“ feiern – im dann leer geräumten Geschäft. Das Lokal ist schon wieder vermietet. Eröffnen soll dort ein Bistro-Restaurant

Leicht gefallen ist Claudia Völker das Laden-Finale nicht. „Aber das ist ja nicht nur ein emotionaler Entschluss, sondern natürlich auch ein wirtschaftlicher“, sagt die Noch-Café-Chefin. Was sie danach macht? „Endlich mal ein bisschen länger Urlaub. Und dann mal gucken. Es kommt sicher noch was auf mich zu. Aber bestimmt kein Einzelhandel mehr.“