Augenzeuge berichtet in Gelsenkirchen von Massakern

„Wohin steuert die Türkei nach dem Putschversuch?“ So war der Abend bei den Linken überschrieben. Der kurdische Parlamentsabgeordnete Faysal Sariyildiz (HDP) berichtete, Linke-Sprecherin  Ayten Kaplan übersetzte.
„Wohin steuert die Türkei nach dem Putschversuch?“ So war der Abend bei den Linken überschrieben. Der kurdische Parlamentsabgeordnete Faysal Sariyildiz (HDP) berichtete, Linke-Sprecherin Ayten Kaplan übersetzte.
Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Se
Der kurdische HDP-Abgeordnete Faysal Sariyildiz will über politische Missstände in der Türkei aufklären. Freitag war er Gast der Linken.

Gelsenkirchen. Faysal Sariyildiz spricht unaufgeregt über die mehr als angespannte Situation in seiner Heimat vor und nach dem gescheiterten Putsch. 50, 60 Leute hören dem kurdischen Abgeordneten der „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP) aus dem Bezirk Sirnak im Dreiländereck Türkei, Syrien und Irak zu. Die Luft im Werner Goldschmidt Salon, dem Parteibüro der Linken, ist zum Schneiden drückend.

Sariyildiz berichtet über die Verhaftungswelle, über Massaker und Menschenrechtsverletzungen. Er analysiert und klagt Erdogan und seine AKP an. Er versucht Antworten zu geben auf die Frage, seit wann – und vor allem warum – sich die Wege des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und Fethullah Gülens und seiner gleichnamigen Bewegung trennten. Immerhin, übersetzt Linke-Kreissprecherin Ayten Kaplan, „ist die AKP durch die Gülen-Gemeinde an die Macht gekommen“.

Seit vier Monaten in Europa unterwegs

Erdoğan, der Gülen vor Jahren noch als den „führenden Propheten“ bezeichnet habe, dessen AKP und die Gülen-Gemeinde das System gemeinsam aufgebaut hätten, versuche nach dem Putsch, alle Schuld der Gülen-Bewegung zuzuschieben. Und noch einen Widerspruch nennt Sariyildiz: „Generäle, die jetzt verhaftet wurden, sind noch vor ein paar Monaten von Erdoğan ausgezeichnet worden.“

Den gescheiterten Putschversuch hat der kurdische Oppositionspolitiker selbst aus der sicheren Entfernung verfolgt. Er ist seit vier Monaten in Europa unterwegs, hat zwölf Länder besucht und war in über 40 Städten, um über Verbrechen an den Kurden zu informieren. Er sagt: „Ich bin Zeuge des grausigen Massakers in Cizîr. Während der 79 Tage anhaltenden Blockade verloren 259 Menschen ihr Leben.“ Die meisten der 177 Menschen, die sich Schutz suchend in Keller geflüchtet hätten, seien vom türkischen Staat verbrannt worden. Alle Menschen, die zu Zeugen des Grauens wurden und dieses dokumentierten, seien zur Zielscheibe geworden. Auch er selbst. „Ich bin ein Pazifist“, betont er, „und werde dennoch wegen angeblichen Waffenbesitzes angeklagt.“ Er will, dass „alle Taten aufgeklärt werden“. In all den zerstörten kurdischen Städten. Sariyildiz spricht in diesem Zusammenhang von einem Genozid.

Seine Zuhörer, darunter auch Migranten, sind zweieinhalb Stunden höchst aufmerksam, outen sich mit ihren Fragen teilweise als sehr gut informiert, sind sehr offen. So soll der Gast auch seine Einschätzung dazu abgeben, ob die aktuelle politische Situation in der Türkei Parallelen zu 1933 erkennen lasse. Und was die Deutschen, was einzelne Kommunen tun können, um zu helfen. Was vielleicht sogar der Oberbürgermeister tun könne, fragt Linke-Sprecher Hartmut Hering mit Verweis auf Gelsenkirchens Partnerstadt Büyükcekmece.

Draußen vor der Tür sitzt Linke-Stadtverordneter Martin Gatzemeier. Nicht aus Desinteresse. Er schaut, wer da am Freitagabend so vorbeigeht. Am Ende waren es lediglich nette Passanten. Und die Polizei, die mit einem Streifenwagen das ein oder andere Mal langsam am Veranstaltungsort vorbei fuhr. Aber: alles ruhig.

Drinnen sagt Sariyildiz am Ende: „Frau Merkel weiß, dass Erdoğan alles tun würde, um die Kurden-Frage zu lösen.“ Da klingt der kurdische Wunsch nach Hilfe durch.

 
 

EURE FAVORITEN