Anwohner an Flüchtlingsheim in Buer klagen über Lärm und Belästigungen

Jörn Stender
87 Personen aus 17 Nationen leben in dem Haus an der Beckeradsdelle, darunter 35 Kinder. Rund die Hälfte der Bewohner sind Roma aus Serbien.
87 Personen aus 17 Nationen leben in dem Haus an der Beckeradsdelle, darunter 35 Kinder. Rund die Hälfte der Bewohner sind Roma aus Serbien.
Foto: WAZ FotoPool
Die Zustände im Flüchtlingsheim an der Straße Beckeradsdelle in Buer, in dem die Hälfte der Bewohner Roma aus Serbien sind, ärgern Nachbarn: „So funktioniert Integration nicht“, sagen sie und klagen über Lärm, Unrat, Belästigungen. Die Gelsenkirchener Sozialdezernentin nimmt sich des Falls an.

Gelsenkirchen. Der Wohnblock birgt eine gehörige Portion sozialen Sprengstoff. Auch wenn er nicht so aussieht. Sondern eher wie ein in die Jahre gekommenes Beispiel für sozialen Wohnungsbau. Grau, groß, stellenweise arg abgewohnt. Auf den Balkonen stehen ein paar Stühle, hier und da hängt Wäsche zum Trocknen, die Haustür steht offen. In ausgetretenem Restgrün liegen Papierfetzen, eine rot-weiße Schranke versperrt die Zufahrt. Ein paar Jugendliche langweilen sich auf dem Hof, Kinder spielen.

Alles wirkt ruhig. Doch der Blick trügt. Das finden zumindest die Anwohner. Für sie ist das Anwesen an der Beckeradsdelle in Buer vor allem eins: ein großes Ärgernis. 87 Menschen aus 17 Nationen leben hier. Zugewiesene Asylbewerberflüchtlinge, knapp die Hälfte sind Roma, Langzeitversprengte der Balkan-Kriege. Unruhe und Ärger gehe von ihnen aus, klagen die Nachbarn im Wohnviertel. Und sie tun es teils seit Jahren, fühlen sich gestört, beschimpft, angemacht. In der Vergangenheit haben sie wiederholt die Stadtverwaltung eingeschaltet, Briefe, Beschwerden und Unterschriftenlisten geschrieben, den Oberbürgermeister zum Handeln aufgefordert. „Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer“, sagt eine Frau. Jetzt ist für sie das Ende der Toleranz erreicht. „Wir möchten endlich Ruhe, Ordnung und Sauberkeit haben“, sagt eine andere.

„Es wird immer schlimmer“

Der geballte Widerstand hat sich an diesem Abend in einer Wohnküche formiert. Dicht an dicht sitzen dort 20, 22 Personen. Direkte Nachbarn, entferntere Nachbarn, Junge, Alte. Allesamt Menschen, die ungern in diesem Zusammenhang ihren Namen oder gar ihr Bild in der Zeitung sehen würden . Sie eint: Frust, Wut, Angst, Sorge, Vorwürfe, Unterstellungen, eben der gesamte Kanon der Vorbehalte. Zu hören bekommt sie Sozialdezernentin Karin Welge. Sie ist zum Gespräch gekommen. Auch weil sich die Alt-Einwohner an der Beckeradsdelle Hilfe und konkrete Antworten von ihr erwarten.

„Der Wohnwert leidet“

Die Dezernentin ist ohne Patentlösungen, ohne vorformulierte Antworten und ohne Handlungskonzept da. Bewusst, wie sie sagt. Weil sie erst einmal erfahren möchte, was die Menschen drückt, „weil es uns wichtig ist, ihr Anliegen aufzunehmen“. Die Runde ärgert das. Sie hat sich mehr erwartet. Auch weil sie schon so lange auf Taten warte. So bekommt Welge erstmal den geballten Unmut zu spüren – über die angeblich untätige Verwaltung, über die offensichtlich ungeliebten Nachbarn gegenüber.

Von Kindern, die unflätige Bemerkungen machen, die Steine gegen Fenster werfen, von Frauen, die dreist ein paar Euro verlangten, von Störung der Nachtruhe, von kokelnden Grills auf den Balkonen, von lauten Feiern und anzüglichen Bemerkungen ist die Rede. Von möglicher Hehlerei und unmöglichem Verhalten. Täglich vier bis neun störende Schrottsammel-Transporter, die in der Umgebung abgestellt werden, sind den Nachbarn ebenso ein Dorn im Auge wie der muntere Sammelgut-Umschlag im Bereich des Flüchtlings-Hauses oder der eigenwillige Umgang mit Sperrmüll, den man beobachtet habe.

Und dann kommen natürlich auch der Wohnwert und die Wertentwicklung in dem „einst guten Viertel“ zur Sprache, die so arg gelitten hätten. „Wir können uns kaum noch am Fenster sehen lassen. Wir werden permanent belästigt“, sagt eine Frau. Ihre Nachbarin hat ihr Schlafzimmer geräumt. Weil sie die Lärmbelästigung nicht aushalten mag. „Wir freuen uns, wenn es wieder kälter wird, dann ist es ruhiger“, sagen sie.

„Wir lassen nicht locker“

„Dort funktioniert Integration nicht. Dort drüben ist eine Ghettosituation“, sagt ein Mann. Welge hört sich das an. „Große Einheiten sind für Integration ein unglücklicher Zustand“, räumt sie ein. Vieles von dem, was sie gehört habe, meint sie, klinge „in der Tat sehr massiv. Ich nehme ihr Ansinnen ernst. Aber ich gehöre nicht zu denen, die Versprechen formulieren und sagen: Morgen ist das Gebäude leer.“

Die Sozialdezernentin will sich mit dem zuständigen Fachreferat zunächst die Lage nochmals genau anschauen, gegebenenfalls eine Feuerwehrstrategie entwickeln und „sehen, was man tun kann oder muss“. Und sie spricht eine Einladung aus: „Geben sie mir sechs Wochen, dann setzen wir uns zu einem weiteren Gespräch zusammen.“ Sie bekommt eine Botschaft mit auf den Weg, die wie eine Drohung klingt: „Wir lassen nicht locker“, sagt eine Frau. „Diesmal nicht...“

348 Flüchtlinge in zwölf Unterkünften

Das Haus Beckeradsdelle wird seit 1993 von der Stadt als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Der Mietvertrag läuft noch gut fünf Jahre lang. Wochentags sind in der Unterkunft zu den üblichen Bürozeiten im Wechsel drei Betreuer und ein Sozialpädagoge vor Ort.

Weitere Gemeinschaftsunterkünfte sind in vier Gebäuden an der Zollvereinstraße (insgesamt 101 Bewohner), an der Vohwinkelstraße (44), der Katernbergerstraße (58 in drei Häusern), an der Bergmannstraße (29), an Steeler Straße (19), Bergmannstraße (29) und Nordring (10).