Antifaschistin aus Gelsenkirchen wird von Neonazi attackiert

Der Eingang zum Wohnhaus von Heike Jordan in Gelsenkirchen-Horst.
Der Eingang zum Wohnhaus von Heike Jordan in Gelsenkirchen-Horst.
Foto: Funke Foto Services
Heike Jordan wurde vor drei Wochen von einem Neonazi beleidigt und angegriffen. Mittwochmorgen war ihr Wohnhaus mit Hakenkreuzen beschmiert.

Gelsenkirchen.. Wenn es gegen Rechts geht, steht Heike Jordan immer in der ersten Reihe der Gegendemonstration und zeigt Flagge. Ihr Motto „Wehret den Anfängen, immer und überall.“ Außerdem hat sie bekanntlich gemeinsam mit ihrem Mann Andreas die Aktion Stolpersteine zum Gedenken an von den Nazis verfolgte, deportierte und ermordete Juden in Gelsenkirchen hoffähig gemacht. Jetzt steht die 52-Jährige offensichtlich selbst im Fokus von Neonazis.

Ende März wurde Heike Jordan vor der eigenen Haustür von einem unbekannten Mann beschimpft und bedroht – mit eindeutig rechtem Sprachgebrauch. Schließlich griff der Mann sie an, versuchte sie zu würgen. Die 52-Jährige konnte sich ins Haus retten. Der Staatsschutz nahm die Ermittlungen auf und fahndet nach dem abgetauchten Täter.

Heike Jordan ist schockiert, aber nicht verängstigt

Mittwochmorgen dann die nächste Attacke gegen die Antifaschistin aus Horst: fünf Hakenkreuzschmiererein, allesamt in Blutrot und seitenverkehrt, eine ebenfalls in fettem Blutrot auf die Haustür gepinselte Beleidigung. Dass Heike Jordan gemeint ist, daran gibt es wohl keinen Zweifel: Denn nur auf ihrem Briefkasten an der Devensstraße 111 hat der (oder haben die) Täter die drei roten Buchstaben „tot“ geschmiert.

„Der Überfall hat mich schockiert. Aber nicht verängstigt“, resümierte Heike Jordan am Mittwoch im Gespräch mit der WAZ. „Ja, ich drehe mich häufiger um und bin aufmerksamer.“ Aber verstecken? Nein. Das passt nicht zu ihr. Im Gegenteil. Sie sagt: „Ich mache das schon so viele Jahre – jetzt erst recht.“ Auf Facebook hat sie die Vorfälle kurz gepostet und „eine irre Solidarität erfahren“. Allerdings: „Wir haben jüdische Freunde, die inzwischen Angst um uns haben.“ Heike Jordan hat Mittwochmorgen sofort die Polizei über die Schmierereien informiert.

Polizei bittet um Hinweise

Nach deren Erkenntnissen dürfte sich die Tat zwischen dem 21. April, 23 Uhr, und dem 22. April, 8.30 Uhr ereignet haben. Im Rahmen der Ermittlungen wird auch geprüft, ob ein Zusammenhang zu der Tat vom 30. März besteht. Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zu beiden Geschehen machen oder Hinweise auf die Täter geben können. Möglicherweise wurden in der Umgebung ja benutzte Malutensilien gefunden? (Anrufe unter 0209/365-8502 KK Staatsschutz). Die Polizei fährt an der Devensstraße nun häufiger Streife.

Der aufrechte Gang - Ein Kommentar von Inge Ansahl

Warum sich Heike Jordan sicher ist, am 30. März von einem Neonazi angegriffen worden zu sein, erklärt sich durch die Wortwahl des Täters, die wir hier ganz sicher nicht wiedergeben. Es ist schon schlimm genug, was da in blutroter Farbe und für jedermann sichtbar an die Haustür geschmiert wurde.

Wer auch immer das gewesen sein mag: Sie will ihren Weg weiter aufrecht gehen, die Frau, die für die Verlegung der Stolpersteine und die Gelsenzentrum-Arbeit zur Aufarbeitung deutscher Geschichte während der Nazi-Zeit in Gelsenkirchen von Yad Vashem ausgezeichnet wurde und die als Wahlfrau im Bundestag saß, als der höchste Repräsentant der Deutschen gewählt wurde.

„Der Schoß ist fruchtbar noch ...“, schrieb Bert Brecht in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 1941. Wir schreiben das Jahr 2015 und Brecht ist aktuell wie nie: Flüchtlingsunterkünfte brennen, Politiker werden von Rechten bedroht, die „Pegida“ ist hoffähig und Rechtspopulisten sitzen in Räten. Aufmärsche, wie der in Rotthausen erwartete, werden unter Berufung auf Meinungsfreiheit erlaubt, obwohl klar ist, wes Geistes Kind die Partei „Die Rechte“ ist. Braunes Dumpfbackentum ist nicht neu.

Der subjektive Eindruck allerdings: Es wird schlimmer. Umso besser, wenn Menschen wie Heike Jordan und am 1. Mai das demokratische Gelsenkirchen Rechten die Stirn bieten.

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