An düstere Stadtgeschichte erinnern

Anlässlich  der Aktion „Gelsenkirchen erinnert sich“ führte Prof. Dr. Stefan Goch über die Bahnhofstraße in Gelsenkirchen, um auf Orte von Nazi-Übergriffen auf jüdische Bürger aufmerksam zu machen. Im Bild: eine historische Ansicht der Bahnhofstraße mit Kaufhaus aus dem Jahr 1920.
Anlässlich der Aktion „Gelsenkirchen erinnert sich“ führte Prof. Dr. Stefan Goch über die Bahnhofstraße in Gelsenkirchen, um auf Orte von Nazi-Übergriffen auf jüdische Bürger aufmerksam zu machen. Im Bild: eine historische Ansicht der Bahnhofstraße mit Kaufhaus aus dem Jahr 1920.
Foto: Michael Korte
Institut für Stadtgeschichte hatte eingeladen. Bürger begaben sich auf Spurensuche jüdischen Lebens in der Bahnhofstraße. Über 20 Geschäfte existierten in den 1920er Jahren in der Gelsenkirchener Innenstadt

Gelsenkirchen. Als Nazischergen in der Nacht zum 10. November 1938 die Scheiben aller jüdischen Geschäfte einschlugen, hatten Terror und Pogrom gegenüber jüdischen Bürgern in der Stadt ihren gewaltsamen Höhepunkt erreicht. Mit der Veranstaltungsreihe „Gelsenkirchen erinnert sich: vor 80 Jahren“ blickt die Stadt zurück in das düsterste Kapitel ihrer Geschichte. Gemeinsam hatten das Institut für Stadtgeschichte und die jüdische Gemeinde zur Spurensuche jüdischen Lebens in der Bahnhofstraße eingeladen.

Bevor die braunen Barbaren begannen, jüdisches Leben in Gelsenkirchen nach und nach auszulöschen, lebten bei der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 über 1600 Juden in der Stadt. Darunter Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte und zahlreiche Geschäftsleute. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Dorf Gelsenkirchen mehr und mehr gewachsen.

Die Nazis bürgerten ihn aus

Auch jüdische Bürger besiedelten die Stadt. Da sie nach der Vertreibung und Verfolgung in vielen Berufen nicht tätig sein durften, suchten sie Erfolge als Geschäftsleute. Allein an der Bahnhofstraße und in den Seitenstraßen existierten in den 1920er Jahren über 20 von 250 jüdischen Geschäften in Gelsenkirchen. 1938 waren es nur noch 162. Institutsleiter Professor Stefan Goch zeigt den etwa 30 Interessenten, wo sich jüdische Kaufleute niederließen und schließlich durch die Nazis systematisch aus ihren Geschäften getrieben wurden. Dort, wo sich heute Olymp Hades befindet, hatte Hugo Groß sein Schuhgeschäft. Es erging ihm wie vielen jüdischen Grundstücksbesitzern.

Goch: „Die Nazis bürgerten ihn aus, das Vermögen wurde eingezogen.“ In ihrer menschenverachtenden Sprache nannten die Nationalsozialisten die systematische Vertreibung Arisierung. Sie begann 1935. Viele konnten nicht rechtzeitig ins Ausland fliehen. Im Haus Nr. 19 betrieb Markus Kohn ein Konfektionsgeschäft. Er starb 1931, liegt auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke. Seine Frau Margret floh in die Niederlande, wurde 1942 nach Riga deportiert, wo sie ein Jahr später ermordet wurde.

Flucht aus Gelsenkirchen

Im Haus, in dem sich heute die Parfümerie Pieper befindet, besaß die Familie Grossmann ein Hutgeschäft. Es wurde ebenso zerstört wie das Pelzgeschäft der Familie Gompertz an der Ecke Arminstraße. Die Eheleute flohen, verloren ihr Hab und Gut. Im Haus Nr. 85 verkaufte Emmy Boley Herrenartikel. Sie wurde gezwungen, ihren Besitz abzugeben, musste ins so genannte Judenhaus an der von der Recke Straße 9, dem späteren Zentrum der jüdischen Gemeinde, einziehen. Die Nazis deportierten Emmy Boley nach Warschau. Im Dezember 1944, kurz vor Ende des Krieges, wurden noch Gelsenkirchener Juden ins Arbeitslager nach Kassel deportiert. Nur 35 Juden überlebten den Terror.

Am 1. April 1933 hatte Hitler zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen, nur zwei Monate nach seiner Machtergreifung. Bis zum Kriegsbeginn blieben noch 600 Juden in Gelsenkirchen.

Nur 35 überlebten den Terror

Bei Enteignungen gab es heimische Profiteure, die oft besonders günstig an jüdischen Besitz gelangten. Häufig blieb den früheren Eigentümern kaum Geld zum Überleben, wenn sie nicht komplett enteignet wurden. Nach 1939 konnte kein jüdischer Bürger mehr dem Nazi-Terror entkommen. 35 Juden sollen in Gelsenkirchen die Schreckensherrschaft überlebt haben. Wer sich vorher ins Ausland abgesetzt hatte, konnte nur in skandinavischen Ländern mit Menschlichkeit rechnen, wurde nicht den Nazis überstellt. In den Niederlanden wurden 80, in Frankreich bis zu 60 Prozent der jüdischen Flüchtlinge deportiert. Eine Reihe ehemaliger Gelsenkirchener Juden lebte später in den USA.

Nur wenige kehrten noch einmal in ihre Heimat zurück. Die erste Synagoge , die 1885 eingeweiht wurde, brannte in der Nacht zum 10. November 1938 während der Pogrome bis auf die Grundmauern ab. Eine Mahntafel erinnert seit 1963 an die Zerstörung. Seit sechs Jahren hat die jüdische Gemeinde an gleicher Stelle wieder eine neue Synagoge. Die neue Gemeinde hat über 400 Mitglieder, die meisten sind russischer Herkunft.

 
 

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