"Agenda 21" als Marketing-Begriff eine Katastrophe

Jörn Stender
Agenda 21 in Gelsenkirchen hat ein Marketing-Problem. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ Fotopool
Agenda 21 in Gelsenkirchen hat ein Marketing-Problem. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ Fotopool
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Gelsenkirchen. Die Agenda 21 soll das Stadtbild von Gelsenkirchen seit zwölf Jahren nachhaltig verändern. Mit dem sperrigen Begriff, stellen die Akteure fest, tun sich manche immer noch schwer.

Agenda 21, die globale und lokale Antwort auf Fragen und Herausforderungen der Zukunft, ist ein Fiasko. Rein namentlich zumindest. „Agenda-Arbeit ist Bildungsarbeit“, sagt Werner Rybarski. Das gilt auch in eigener Sache. „Agenda“, meint er, sei viel bekannter geworden. „Inzwischen wissen sehr viele Menschen, was Nachhaltigkeit bedeutet und wie wichtig sie ist. Aber als Marketing-Begriff ist Agenda eine Katastrophe. Wenn ich ein Parfüm ,Griff ins Klo’ nennen würde, wäre es ähnlich problematisch.“

Rybarski sollte es wissen. Er ist so etwas wie Gelsenkirchens Mr. Agenda. Eben der Mann, der – nicht alleine, aber verantwortlich – den Agendaprozess in der Stadt antreibt. Und das seit gut zwölf Jahren.

Vor zwölf Jahren fing alles an

Das Büro an der Von-Oven-Straße 17 verströmt einen Hauch von frühem Bioladen-Charme. Viel Holz, enge Kaffee-Küche, Ordnerreihen in Regalen, ein kleiner Besprechungstisch. Der Platz ist, positiv gesagt, übersichtlich. Die ersten Jahre hatte die Lokale Agenda ihren Platz im Gründerzentrum Rhein-Elbe. Eine Adresse, die zukunftsträchtig und aussagekräftig sein sollte. Aber sie lag weitab. 2003 ist das Büro zum heutigen Standort verlagert worden. „Es ist lebendiger hier“, sagt Rybarski. Wenigstens das.

Im Dezember vor zwölf Jahren gaben Politik und Verwaltung mit dem Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen/Wattenscheid den Startschuss für die Lokale Agenda. Gelsenkirchen ein Stück nachhaltiger zu prägen, die Bürgerbeteiligung zu forcieren, Umdenken bei den Themen Verkehr oder Energie, beim Umgang mit den natürlichen Ressourcen und der Umwelt zu erreichen, war der Anspruch. Zusammen mit den Menschen sollte das geschehen. Und durch sie.

Das Netzwerk wächst langsam

Netzwerkarbeit, Moderation und Motivation gehören daher auch zum Aufgabengebiet im Agenda-Büro. Eben, die Fäden zusammenzuhalten – beispielsweise bei derzeit acht Arbeitskreisen, die sich regelmäßig zu den verschiedenen Themen treffen. Die Runde wächst langsam, aber stetig. Zuletzt, das war 2006, kam der Arbeitskreis Natur hinzu. „Wir haben das Thema Nachhaltigkeit ja nicht erfunden, das war in vielen Bereichen schon präsent“, sagt Rybarski. Aber es bekam durch die Agenda eine neue Dimension und auch mehr Professionalität. Bürgerideen werden aufgegriffen (zum Beispiel, als der Arbeitskreis Filmstadt aufgebaut wurde), aus dem Netzwerk heraus entstehen zudem immer wieder konkrete Projekte wie zuletzt das Färbermobil.

Zudem hilft das Büro, die Finanzierung zu sichern, in dem Fördertöpfe aufgetan werden. Stets zielorientiert, so Rybarski, sollte die Arbeit laufen. „Das Produkt muss immer am Ende stehen.“ Das können Broschüren oder auch Bücher sein, aber auch Wirtschaftsprojekte wie Ökoprofit oder die Kreativwerkstatt mit 50 beteiligten Trägern in jedem Ortsteil und allein 2011 rund 150 verschiedenen Kursen.

16 Uhrkunden schmücken die "Ego-Wand"

Eine lange Reihe von 16 Urkunden und Auszeichnungen („unsere Ego-Wand“) zeugt von (inter)-nationaler Anerkennung. Gelsenkirchener Agenda-Tätigkeit wird offenbar jenseits der Stadtgrenzen wohlwollend registriert. „Ich denke, wir haben eine sehr hohe Akzeptanz unserer Arbeit“, sagt Rybarski – auch, weil viele Menschen mitmachen. Wie Niels Funke. Er war mal Praktikant im Agenda-Büro, ist längst freier Mitarbeiter, aber auch noch ehrenamtlich in einem Arbeitskreis im Einsatz.

„Ohne Ehrenamt würden wir ganz alt aussehen. Dann könnten wir wenig Neues anfangen“, so Rybarski. Und: „Ich denke, wir bewegen indirekt sehr viele Menschen in der Stadt.“ Ganz im Sinne des lateinischen Begriffs Agenda, der bedeutet schließlich nichts anderes als „Was zu tun ist.“