„Adam Schaf“ - ein Geschenk

Wolfgang Platzeck
### Imported per Email (2010-10-24 12:13) ### From: l.christoph@waz.de Subject: foto 2 Content: Musiktheater MiR Adam Schaf
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Gelsenkirchen.  Vor 43 Jahren hat er den Grafen Tassilo in Emmerich Kalmáns Operette „Gräfin Mariza“ gespielt – jetzt ist Adam Schaf nur noch für die dreieinhalb-Minute-Sprechrolle des Dieners Tschekko gut.

Doch der pingelige Schauspieler-Sänger, der seit 40 Jahren exakt zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn in der Garderobe eintrifft, auch weil seine Konzentration gewohnheitsmäßig erst zwei Stunden vorher einsetzt, dieser lebenslange Arbeiter an Menschenbildern befreit sich selbst vom Schatten der Resignation und Melancholie durch einen kleinen Selbstbetrug.

Rollenschwund? „Ob kleine oder große Rollen ist für mich kein Problem; das Problem ist: wie fülle ich sie aus?“ Der Ausspruch stammt nicht von Georg Kreisler, sondern vom großen Bernhard Minetti. Eingefügt hat ihn im Kleinen Haus ein wunderbares Team, das aus dem Musical „Adam Schaf hat Angst“, das eigentlich kaum mehr ist als eine locker verknüpfte Abfolge bekannter und weniger be-kannter Songs, ein Herz und Hirn anrührendes Dramolett macht.

Dabei bleibt bei Sandra Wissmann (erste eigene Regiearbeit), Anna Grundmeier (erste eigene Dramaturgie) und Mark Weigel alles hundertprozentig Kreisler. Durch kleine, unaufdringliche Texterweiterungen – Erklärungen, Reflexionen, Erinnerungssplitter wie in einem Selbstgespräch – und durch sinnfällige Änderung der Liedfolge erhält die Vorlage aber eine völlig neue Erzählstruktur.

Es kommt, mit Minetti, darauf an, wie man eine Rolle füllt. Mark Weigel, mit einer exzellenten Tenor-Stimme ausgestattet, ist im Kleinen Haus der Adam. Wie dieser Schauspieler, von Askan Geisler am Klavier feinfühlig und bemerkenswert zurückhaltend begleitet, die Stationen eines Lebens als Schauspieler, Musiker und Mensch Revue passieren lässt, mit sparsamen Mitteln Rollen und Lebensalter wechselt, wie er all die schwankenden Empfindungen und Gefühlsregungen bis ins Details auslotet und dabei peu a peu nicht nur eine Seelenlandschaft, sondern das Panorama einer ganzen (Nachkriegs-)Epoche entfaltet und im Heute spiegelt, das ist ein Geschenk.

Zumal er, von Wissmann zwei kurze Stunden lang einfühlsam geführt, bei den auch in der Melancholie witzig-sarkastischen Liedern eben nicht jenen beliebten ätzend-scharfen Kreisler-Ton anschlägt, der aus dem herrlichen Musik-Drama leicht das sattsam vertraute Kleinkunst-Kabarett hätte machen können. Größeren, bedingungsloseren Beifall hat das MiR in dieser Spielzeit noch nicht erlebt.