Wie ein Krimi

Der Kiepenkerl Ferdinandus alias Matthias Latus führte die Gäste durch Dorf und die Westerholter Geschichte. Foto: Thomas Schmidtke
Der Kiepenkerl Ferdinandus alias Matthias Latus führte die Gäste durch Dorf und die Westerholter Geschichte. Foto: Thomas Schmidtke
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Westerholt.. Sie mutet an wie eine Kriminalgeschichte, die Geschichte von Westerholt. Zum „Tag des offenen Denkmals“ ließ der Heimatverein sie einmal mehr auferstehen.

Das deutschlandweite Motto des Tages lautete „Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr“. Ein Sinnbild für den Handel im Westfälischen ist der Kiepenkerl, der einst mit seinem Korb auf dem Rücken in die Städte ging, um seine Waren an den Mann zu bringen. Oder an die Frau. Das beherrschte Ferdinandus, der letzte Kiepenkerl von Westerholt, nämlich besonders gut. „Laut Aufzeichnungen hatte er bei Frauen einen Stein im Brett“, so Matthias Latus, der für die Führungen in die Rolle des Ferdinandus schlüpfte.

Entsprechend kostümiert, mit einem Weidenkorb auf dem Rücken und dicken Klotschen an den Füßen, führte er Interessierte durch das Dorf und erzählte Episoden aus der Geschichte. Auch die düsteren Kapitel ließ er dabei nicht aus. Zunächst aber begann er am Marienbrunnen auf dem Westerholter Markt. Wer die vielen Bilder betrachtet, lernt Westerholt bereits im Kleinen kennen. Hier sind die Stadtwappen zu sehen und eine Ziege, die Bergmannskuh. Auch ein Löwe darf nicht fehlen. Er erinnert an den Löwenpark des Grafen Egon.

Auf dem alten Friedhof, gleich neben dem Gemeindehaus von St. Martinus, machte Ferdinandus das wohl dunkelste Kapitel in der Westerholter Geschichte auf. Zu-nächst aber schürte er die Neugier. „Auf dieser Akte liegt das Tabu-Siegel der Grafenfamilie. Deswegen weiß keiner ganz genau, was damals passiert ist.“ Einzig Graf Egon hatte einst Andeutungen gemacht. Und auf die nahm der Erzähler Bezug, als er von Anna Spiekermann berichtete, die der Hexerei beschuldigt in Westerholt den Tod fand.

„Sie war ein junges Mädchen und arbeitete als Dienstmagd im Schloss. Sie war hübscher als alle Frauen und rothaarig von Natur aus. Klar, dass alle Männer versuchten, mit ihr anzubändeln. Der Trunkenbold Heinrich Krampel versuchte auf offener Straße, Anna Spiekermann zu küssen.“ Als sie das abwehrte, fiel er zu Boden.

Erzürnt von der Abfuhr zeigte er die junge Frau an, be-hauptete, sie habe ihm mit dem bösen Blick die Manneskraft geraubt. „Sie wurde verhaftet und gefoltert. Unter der Folter gab sie zu, eine Hexe zu sein. In den Qualen ist sie ge-storben.“ Ein echtes Problem. Denn eine Hexe hätte verbrannt werden müssen. Ein großer Pfahl, an den die junge tote Frau heimlich gebunden wurde, schuf Abhilfe. Öffentlich sollte die Verbrennung stattfinden. Die Dörfler wollten das nicht sehen. „Sie mussten von Wachsoldaten aus den Häusern geholt werden.“

Westerholt fiel in eine tiefe Krise. Der gräflichen Familie fehlte der männliche Erbe. Die Dorfbewohner sahen darin die göttliche Strafe für das, was man Anna Spiekermann angetan hatte. Doch etwas musste geschehen, sonst fiele der ganze Besitz an den Kaiser. „Dann würde es Westerholt heute nicht geben“, erklärte Latus. Freiherr Ludolph von Boenen kam ins Spiel. Er ehelichte Wilhelmine, um die Grafschaft zu retten. Der Spieler versprach sich davon neuen Besitz. „Aber Wilhelmine machte ihn in der Hochzeitsnacht betrunken und ließ ihn einen Ehevertrag unterschreiben. Das war ein Glücksfall, denn sie dachte wirtschaftlich und rettete das Grafenhaus und Westerholt.“ Ferdinandus schmunzelt. „Man soll die Frauen nicht unterschätzen.“

Heimatkabinett zeigt Ausstellung: 500 Jahre Postgeschichte

„Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr“, das diesjährige Motto des Tages des offenen Denkmals bleibt den Westerholtern noch einige Zeit erhalten. Denn im Heimatkabinett wurde am Sonntag eine Sonderausstellung eröffnet, die noch bis Februar zu sehen sein wird. Fünfhundert Jahre Postgeschichte sind hier dokumentiert, alte Postkarten zeigen Westerholter Ansichten, und daneben gibt es einen Bereich, der sich mit der Vestischen befasst.

Hier werden eine alte Fahrkartentasche gezeigt und Geldzähler. Und es wird daran erinnert, dass durch Westerholt mal die Straßenbahn fuhr.

Neben der Bilderschau gab es auch noch eine attraktive Tagesaktion für die Besucher: Zwei Kutschen, ein Friesen-Gespann und eines mit Haflingern, standen bereit, um interessierte Besucher, im wahrsten Sinne des Wortes, durch das Dorf zu kutschieren.

 
 

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