Theater gegen die Gewalt beeindruckt Gelsenkirchener Schüler

„Gott war der erste, der uns auf die Schnauze gehauen hat“, behauptet Hymit.
„Gott war der erste, der uns auf die Schnauze gehauen hat“, behauptet Hymit.
Foto: FUNKE Foto Services
Schüler des Berufskollegs beziehen Position: Beim Gaststill des Theater Till geht es um Mobbing, Fremdenhass und Prügeleien. Aber auch wenn aktuelle Gräueltaten in die Stücke aufgenommen werden, vielleicht hat die Realität das ansonsten beeindruckende Thema zwischenzeitlich überholt.

Die „Agentur Mensch“ hat sich angekündigt und die Schüler – die männliche Fraktion dominiert an diesem Morgen – strömen neugierig in den Saal des Hauses Heege. Schließlich geht es um ein brisantes Thema: Gewalt im Alltag.

Wenig später sollen fünf Protagonisten den Schülern erklären, warum sie an dieser Veranstaltung der Agentur teilnehmen mussten. Hymit, der Deutsche mit türkischen Wurzeln, musste erleben wie sein Freund von Neonazis zum Krüppel geschlagen wurde. „Ich habe gelernt mir selber zu helfen in meiner Heimat Deutschland“, resümiert er.

Rauswurf aus dem Paradies

Nachdem er im Publikum für den ersten Lacher gesorgt hatte: „Gott war der erste, der uns auf die Schnauze gehauen hatte.“ Wieso? Weil er als Moslem am christlichen Religionsunterricht teilnehmen musste, deutet er die den Rauswurf aus dem Paradies so: „Stell dir vor, so ‘ne Scheiße, Adam ist Türke. Und dann kommt die nackte Eva und gibt ihm den Apfel. Darauf vertreibt Gott die beiden.“

Hymit erntet Lacher und Sympathien. Ganz anders als Neonazi Klaus Lützek. Nach seinem Knastaufenthalt gehörte die Teilnahme an der Runde sozusagen zum Rehabilitationsprogramm. Er hatte, wie er erzählte, „mit zwei Kameraden einen asiatischen Laden auseinandergenommen“. Mit viel Gewalt, versteht sich. Die findet er ganz normal, „weil man sonst als Deutscher nicht zurecht kommt“. An kam er in der Schülerrunde mit seinem Geschwafel nicht. Nicht nur Hymit verlässt entnervt den Saal, ein Schüler verschwindet mit dem Kommentar „Ist das ein Hurensohn!“

Verzweiflung über das Desinteresse

Um das Spektrum der Gewaltbereitschaft auszudehnen, kommt ein Lehrer zu Wort, der eines Tages aus Verzweiflung über das Desinteresse und die Respektlosigkeit seiner Schüler im Unterricht um sich schlägt. Nicole erzählt, wie sie eine Mitschülerin, den „Speck-Transporter“, mit ihrem Mobbing in den Tod trieb und Katrin schildert, wie sie eine Vergewaltigung verhindern und dabei selbst brutal zusammengeschlagen wurde.

Die Schüler fühlten sich angesprochen. Keine Frage. Aber sie erkannten schnell, dass dies keine reale Diskussion, sondern Theater war. „Ich habe es sofort durchschaut“, sagte Dustin. Und fand alles ein bisschen oberflächlich.

„Man muss aufpassen“, sagt Marco. Und meint, die Realität sei noch ein Stück härter. „Mein Bruder ist auch angegriffen worden“, berichtet Marco. Seit mehr als zehn Jahren tourt das Ensemble mit dem Stück durch die Republik. Und auch wenn aktuelle Gräueltaten in die Stücke aufgenommen werden, vielleicht hat die Realität das ansonsten sehr beeindruckende Thema zwischenzeitlich bereits überholt.

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