Stadtgeschichte aus der Sprühdose

Von Christiane Rautenberg
Graffiti-Künstler Knut Köhler mit Atemschutz und Sprühdose bei der Arbeit an den Containern.
Graffiti-Künstler Knut Köhler mit Atemschutz und Sprühdose bei der Arbeit an den Containern.
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen-Buer.  Nicht mehr Zeche, noch kein Biomassepark, aber seit knapp einem Jahr Grubengasverwertungsanlage: Das Hugo-Gelände am Brößweg hat viele Metamorphosen erlebt. Nun wird das Areal auch noch bunt – buchstäblich: Fünf Sprayer gestalten acht Übersee-Container der Firma Minegas GmbH zur wohl größten Graffiti-Fläche im Emscher-Lippe-Raum um.

„Ursprünglich wollten wir die Container nur einfarbig lackieren lassen, die vor dem Lärm der Grubengasverwertungsanlage schützen sollen. Über Mitglieder des Fördervereins Zeche Hugo haben wir dann aber Kontakt mit den Falken bekommen und damit die Anregung, die Flächen von Graffiti-Künstlern verschönern zu lassen“, berichtete Andreas Brandt, Projektleiter Grubengas NRW von Steag New Energies, von den Anfängen des Projekts, an dem auch die Streetart-Initiative des Ückendorfer Jugend-Kultur-Zentrums Spunk beteiligt ist.

Und so traf Kunst auf (Stadt-)Geschichte: Fünf Sprayer bekamen den Auftrag, in ihren Arbeiten auf der sechs Meter hohen und 48 Meter langen Fläche die Themen Energie und Lokalhistorie aufzugreifen. „Wir wollten einen Bezug zum Standort bekommen und den Strukturwandel deutlich machen“, so Stefan Rothenbücher, Projektleiter der Minegas GmbH.

Gesagt, gesprayt

Gesagt, gesprayt: Die fünf Künstler entwickelten ein gemeinsames Konzept, teilten die 300 Quadratmeter große „Containerleinwand“ in fünf kleinere Flächen auf und machten sich per Knopfdruck auf die Farbdose ans Werk. Wo zurzeit noch das Gerüst den ungehinderten Blick auf das Kunstwerk verstellt, können Neugierige in etwa drei Wochen in einen Comic zur Standortgeschichte eintauchen. Die Bilder werfen – graffiti-typisch verfremdet – farbige Schlaglichter auf den gefräßigen Industriekoloss Zeche Hugo, zeigen Bagger beim Abriss der Gebäude nach dem Aus des Bergwerks, beleuchten mit halb aufgehender Sonne die energetische Nutzung des Grubengases und den Betrieb einer Windanlage (auf der Halde Oberscholven) und deuten den Biomassepark an, Stadtwappen inklusive.

Was für Minegas durch die Finanzierung des Gerüsts und der 900 Spraydosen zur 15 000-Euro-Investition geriet (Rothenbücher: „Lackieren wäre günstiger gewesen, sähe aber nicht so schön aus“), war für die Künstler etwas Besonderes: „So eine große Fläche gestalten wir nicht alle Tage. Die Arbeit hat in dieser Industrie-Kulisse besonders Spaß gemacht“, zeigte sich Simon (24) begeistert. „Cosmic Sven“ (23), so der Künstlername, schätzte zudem, „dass wir unsere Arbeitszeiten selbst einteilen können“.

Weitere Projekte

Dankbar äußerten sich auch Streetart-Projektleiter Jan Dworatzek in Richtung Künstler und Sebastian Kolkau vom Unterbezirksvorstand der Falken: „Mit diesem Projekt können wir die Graffiti-Szene in der Stadt weiter fördern. Wir hoffen, dass dies der Startschuss für weitere Projekte ist.“ Rothenbücher fing den Ball bereitwillig auf: „Wir überlegen, für die weiteren Container-Flächen einen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung zu initiieren.“