St. Pius Hassel: Zwischen Auf- und Abbruch

Die Tage von St. Pius in Hassel – hier der Innenraum – sind gezählt. Nach den Sommerferien soll das katholische Gotteshaus abgerissen werden. Ein Investor will eine soziale Einrichtung bauen.
Die Tage von St. Pius in Hassel – hier der Innenraum – sind gezählt. Nach den Sommerferien soll das katholische Gotteshaus abgerissen werden. Ein Investor will eine soziale Einrichtung bauen.
Foto: WAZ FotoPool
Abbruch statt Aufbruch: So erleben besonders ältere Gläubige der katholischen St. Pius-Gemeinde in Hassel den gerade erfolgten Umzug zur bis dahin geschlossenen St.-Michael-Kirche. Viele haben St. Pius mitaufgebaut und empfinden nun eher Trauer und Enttäuschung.

Gelsenkirchen-Hassel..  Das Wichtigste aus dem alten Leben in Kartons verstauen, einige Kilometer weiter transportieren und alles wieder auspacken, damit sie munter losgehen kann, die Zukunft am neuen Standort: So reibungslos gestaltet sich ein Umzug selten. Erst recht nicht so eine Verlagerung des Gemeinde- und Gottesdienst-Schwerpunkts wie die von der Hasseler St.-Pius-Kirche zum wieder eröffneten Gotteshaus St. Michael. Was die (gewählten) Verantwortlichen als „Aufbruch in der Seelsorge“ deuten, verstehen einige Gläubige am alten Standort Eppmannsweg nur als Abbruch – „ihrer“ Kirche. Wenige Wochen vor dem Abriss von St. Pius machen sie ihrer Trauer und Verbitterung Luft.

„Die Taufe unserer drei Kinder, ihre Kommunion, die Hochzeit einer Tochter – alles haben wir in St. Pius gefeiert. Da ist es schon schwer zu verkraften, dass es die Kirche bald nicht mehr geben soll“, mag Hildegard Walkenhorst (75) gar nicht an den letzten Gottesdienst in St. Pius am kommenden Sonntag, 29. Juni, denken. „Uns ist zum Heulen.“

„Wir fühlen uns heimatlos“

Als langjährige Helferin der Frauengemeinschaft (kfd) verbindet sie mit nahezu jeder Gebäudeecke Erinnerungen. Und so nickt sie heftig, als Bernhardine Kärst (78) – kfd-, KAB-Mitglied und aktiv in der Alten- und Rentnergemeinschaft (ARG) – mit Tränen in den Augen betont: „Wir Älteren werden uns heimatlos fühlen. Denn einen alten Baum verpflanzt man nicht.“

Auch Franz Bleichert (84) kann nicht nachvollziehen, warum sich die einzelnen (gewählten) Gremien von St. Pius und der Pfarrei St. Urbanus für eine Standortverlagerung ausgesprochen haben. Große Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen der einst selbstständigen Hasseler Gemeinden St. Pius, St. Michael und St. Theresia, sinkende Gottesdienstbesucher-Zahlen wegen der dezentralen Lage, dagegen die Zentralität von St. Michael rund 1000 m weiter an der Valentinstraße: Diese Argumente wollen dem Ex-Pfarrgemeinderats-, Kirchenvorstands- und KAB-Vorsitzenden nicht einleuchten.

Inneneinrichtung zusammen gespart

„Man hätte sich länger um eine Umnutzung bemühen müssen“, meint er. Eine Drogerie sei vielleicht eine Lösung gewesen, die fehle in Hassel. Besser als Abriss, Verkauf und Neubau einer sozialen Einrichtung durch einen Investor sei das allemal, sagt er, nicht ohne Gegenwind zu kassieren: „Eine Drogerie in der Kirche? Das ist doch nicht das Richtige“, findet Elisabeth Kerrennes (82), kfd- und ARG-Mitglied.

Dass jedoch nur wenige ältere Gläubige rund um St. Pius sich aufmachen werden zur St. Michael-Kirche, Fahrdienst hin oder her: Darin stimmt sie Bleichert zu. Der Abschied von „ihrem“ Gotteshaus fällt ihnen um so schwerer, da sie es mit aufgebaut haben. „Uns wurde die Kirche 1967 so hingestellt, die komplette Inneneinrichtung musste durch Spenden finanziert werden“, begründet Organist Johannes Dresenkamp (61) die besondere Bindung zu St. Pius. „Was haben wir für Sommerfeste auf die Beine gestellt, um Geld zusammenzukriegen, ob nun für Orgel, Küche oder Geschirr“, so Bleichert.

Dominik Kalinowski (15), seit der Kommunion in der Gemeindejugend aktiv, mag „Heimat“ nicht an einem Ort festmachen. „Mir ist es egal, wo Gottesdienst gefeiert wird. Es zählen die Gemeinschaft, die Menschen drumherum.“

 
 

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