Singen schafft eine Brücke zwischen den Kulturen in Erle

Die „Chorlichter“, ein gemischter Chor aus Geflüchteten und Erlern, hatten zur öffentlichen Probe geladen.
Die „Chorlichter“, ein gemischter Chor aus Geflüchteten und Erlern, hatten zur öffentlichen Probe geladen.
Foto: Michael Korte
  • Syrer, Iraner, Iraker und Erler singen gemeinsam in einem Chor
  • „Chorlichter“ bringt Menschen in der Dreifaltigkeitskirche zusammen
  • Die Diakonie plant eine Fortsetzung des Chorprojektes im nächsten Jahr

Gelsenkirchen-Erle..  „Hey, Hello, Bonjour, Guten Tag, Merhaba, Salam Aleikum.“ Aus vielen Kehlen erklingt das Begrüßungslied der „Chorlichter“. Mit ihnen gemeinsam singen die Gäste der öffentlichen Chorprobe. Im Gemeindesaal der Dreifaltigkeitskirche stimmen sie ein, die Syrer, Iraker, Iraner und die Erler. Die Musik ist für sie die Brücke zwischen den Kulturen.

Das Gesangsprojekt für Einheimische und Geflüchtete ist die Idee von Benedikte Baumann. Sie leitete bereits dreimal das Projekt „!Sing - Day of Song“. Auf der Suche nach einem Projektpartner wandte sie sich an die Diakonie. „Denn es braucht eine Brücke zu den Geflüchteten.“ Einfach die Türen zu öffnen und einzuladen, das reiche oft nicht. Besser sei es, mit bereits vorhandenen Strukturen zu arbeiten. Die Flüchtlingshilfe im Quartier bot sich da an. Zehn Treffen standen im Rahmen des Pilotprojektes an. Das Ende markiert die heutige öffentliche Probe – eine kleine Aufführung des Erlernten.

Alle Sänger lernen eine neue Sprache zu singen

„Bruder Jakob“ ist das erste Lied. Das singen sie seit der ersten Probe. Weil es so bekannt ist und in 27 Sprachen übersetzt. Auf arabisch heißt es dann „Achi Jakub“. Kraftvoll singen alle mit. Selbst dann noch, als es an den Kanon geht. Eine Gruppe singt deutsch, eine arabisch. Die Gruppen selbst aber sind gemischt. So machen alle die Erfahrung einer neuen Sprache.

„So dramatisch war das nicht“, sagt Gerda Wolf über das Lernen der Texte. „Die wurden etwas eingedeutscht. Aber so haben die Geflüchteten gesehen: Wir haben auch Probleme, Sprachen zu lernen.“ Natürlich sorgte das für die eine oder andere lustige Situation. „Wir haben viel gelacht.“ Für die Chorsängerin war das Projekt etwas Besonderes. „Wir haben jetzt einen engeren Kontakt zwischen Erlern und Geflüchteten. Wo bekommt man den sonst. Im Reihenhaus sicher nicht.“

Verschiedene Kulturen begegnen einander in der Musik

Das nächste Lied: „Die Gedanken sind frei“. Immer schon hatte es einen politischen Hintergrund, war es ein Statement für die Freiheit. Wie alle hier freudig mitsingen, das berührt. Von vielen Handys der Geflüchteten wird dieser besondere Moment filmisch festgehalten. Ein bewegtes und bewegendes Stück im Tagebuch der Integration in der Ferne, die zur neuen Heimat werden soll.

„Es ist wunderbar! Hier treffen sich zwei Kulturen.“, ist Fatima Sharif begeistert. Sie kommt aus Aleppo, lebt jetzt in Erle. Und sie profitiert mehrfach von dem Projekt. „Mein Mann und ich, wir besuchen einen Deutschkurs. Dadurch haben wir viel Spaß daran, deutsche Lieder und Wörter zu lernen.“ Auch, dass, wie im Lied „Der Mond ist aufgegangen“, die Sterne schon mal „gülden“ sein können.

Heimliche Hymne fordert: Gebt uns unsere Kindheit zurück

Jetzt folgt der Höhepunkt: das arabische Stück „Atouna e Toufulé“. Vorgeschlagen wurde es von den Syrern im Chor. Für sie es eine heimliche Hymne. „Es heißt übersetzt: Gebt uns unsere Kindheit zurück. Es handelt von der Vertreibung durch Krieg“, erklärt Markus Fröhlich von der Flüchtlingshilfe im Quartier. „Atouna“, singen sie.

Nicht so kraftvoll wie eben. Etliche Erler sind unsicher. Von den Geflüchteten aber können schon die Kleinsten das Lied. Am Rande der Stuhlreihen stehen zwei Mädchen. Sidra und Galawesch. Sie haben einander untergehakt, wiegen sich im langsamen Takt des Liedes und singen mit noch etwas quakigen Kinderstimmen, aber aus tiefster Seele: „Gebt uns unsere Kindheit zurück“. Sie lachen herzlich, sind ausgelassen – endlich wieder.

 
 

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