Schmuck wurde gegen Eier und Speck eingetauscht

Erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs in Resse als 13-jähriger Junge: Carl Heinrich Lueg.
Erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs in Resse als 13-jähriger Junge: Carl Heinrich Lueg.
Foto: WAZ FotoPool
Das Kriegsende im Gelsenkirchener Norden: Der heute 83-jährige Carl Heinrich Lueg erinnert sich an das Kriegsende in Resse. An die amerikanische Besatzungsmacht, an die große Armut, aber auch an die aufkeimende Aufbruchstimmung

Ein Ende mit Schrecken, aber immerhin: ein Ende. Als in der Karwoche 1945 die Amerikaner im Schutz riesiger Panzer in Resse einrückten, läuteten sie die letzten Kriegstage vor Ort ein. Das Aufatmen über das Ende der Luftangriffe, es war allerdings verhalten – zu ungewiss war die Zukunft. „Eigentlich hatte jenes Jahr 45 für uns zwei Gesichter, ein trauriges, aber auch ein tröstliches“, erinnert sich der Resser Philologe Carl Heinrich Lueg, damals 13 Jahre, an die seltsame Stimmung jener Tage.

„Resse glich einem gewaltigen Heerlager. In den Straßen stauten sich Jeeps und Wehrmachtsfahrzeuge“, berichtet Lueg, der mit seiner Familie damals an der Hertener Straße lebte. Zweisprachige Plakate an den Litfaßsäulen informierten über die neue Militärregierung und das nächtliche Ausgehverbot, aber auch darüber, dass der Besitz von Waffen, Fotoapparaten, Ferngläsern, Funkgeräten, Nazi-Uniformen und -Emblemen verboten war. „Wer sich dem widersetzte, musste unter Umständen sogar mit der Todesstrafe rechnen“, so der 83-Jährige.

Radio-Verbot

Beachtet wurde das Radio-Verbot allerdings kaum. Was da an deutscher NS-Propaganda auf den letzten Metern des Weltkriegs aus Berlin nach Resse schwappte, wirkte für viele aber offenbar wie ein Relikt aus alter Zeit. „Wir waren froh und erleichtert, diesen ganzen Spuk der verlogenen NS-Propaganda hinter uns zu haben.“ So erging es auch seinem Großvater, der „trotz seines hohen Alters in eine Aufbruchstimmung geriet und dann zusammen mit Wilhelm Sellhorst in Resse die Zentrumspartei neu begründete.“

Während die Besatzungsmächte in den einzelnen Ortsteilen provisorische Zivilverwaltungen einrichteten, galt es für die Menschen, den Alltag zu organisieren. Über neue Lebensmittelkarten erhielten sie „außerordentlich schmale“ Rationen.

Hamsterfahrt

„Wer keine Beziehungen hatte oder das Wagnis der Hamsterfahrt nicht auf sich nehmen konnte, war arm dran. Dies betraf vor allem ältere Menschen“, so Lueg. In ihrer Not stellten die Resser Speiseöl aus Rapssamen, Kuchen aus Kartoffeln und Seife aus Knochen her. Elementar wichtig war aber der Tauschhandel: Schmuck, Briefmarken, Münzen gegen Eier, Speck oder Butter.

Noch gut erinnert sich Lueg daran, wie befremdlich er als Junge den verschwenderischen Umgang der US-Soldaten mit Nahrungsmitteln empfand: „Halbleere Büchsen mit Fleisch oder Dosen mit Säften warfen sie auf den Müll, ebenso Weißbrot in Mengen.“

Schulunterricht gab es anfangs nicht, weil viele Lehrer entnazifiziert werden mussten. „Die alten Schulbücher waren nicht mehr zugelassen und es dauerte seine Zeit, bis neue auf den Markt kamen; bis dahin wurden uns Aufgaben und Texte diktiert.“

EURE FAVORITEN