Rotstift führte Regie bei Kirchenbau

Christiane Rautenberg
Die evangelische Christus-Kirche Beckhausen – hier auf einem Foto von 1929 – war anfangs umgeben von freien Ackerflächen und so weithin sichtbar.
Die evangelische Christus-Kirche Beckhausen – hier auf einem Foto von 1929 – war anfangs umgeben von freien Ackerflächen und so weithin sichtbar.
Foto: Stadt Gelsenkirchen

Gelsenkirchen-Beckhausen.  „Auferstanden aus Ruinen“: Wer die evangelische Christus-Kirche Beckhausen im Auf und Ab ihrer Geschichte in den Blick nimmt, ist fast versucht, die alte DDR-Nationalhymne zu bemühen – so sehr glich das Gotteshaus zwischenzeitlich einem Trümmerhaufen. Zum 100. Geburtstag in diesen Tagen erinnert die Gemeinde daran mit einer üppig bebilderten, ausführlichen Chronik, die in dieser Woche zum Start der Feierlichkeiten am Pfingstsonntag erscheint.

Eine Zeitreise in eine Welt aus Kohle und protestantischem Bekenntnis, aus materieller Not und sozialem Engagement präsentiert Verfasser Pfarrer Bernd Naumann: Er skizziert den Kirchenbau (ab 1911) vor dem Hintergrund des Bevölkerungswachstums als Folge des Abteufens von Schacht Hugo III bzw. der Zechen Bergmannsglück und Westerholt. 1908 war eine (neue) Pfarrstelle für Beckhausen geschaffen worden, weil Pfarrer Franke von Buer aus die Gläubigen nicht mehr betreuen konnte. Besetzt wurde sie ab 1910 mit Pfarrer Kurt Peisker und ab 1917 mit Pfarrer Martin Gutjahr.

Gläubige mussten auf Stufen hocken

Errichtet wurde die Kirche mit Kirchsaal und Pfarrhaus an der Bergstraße nach Plänen des buerschen Architekten Schulte-Umberg für 221 000 Mark – allerdings aus Geldnot in abgespeckter Form.

Realisiert wurde nicht das schiefergedeckte Dach, sondern preisgünstige Ziegel, auch auf dem Turm. Auch auf Kirchenbänke auf den Seitenemporen mussten die Gläubigen verzichten; sie hockten sich zu Weihnachten oder zur Konfirmation schlicht auf die Stufen. Immerhin konnte, so Pfarrer Naumann, eine (kleinere) Orgel angeschafft werden, deren Klänge die Einweihung am 21. Mai 1913 stimmungsvoll gestalteten.

Die Folgen der zwei Weltkriege bekam auch Beckhausen zu spüren: 1917 mussten die Kupferglocken als kriegswichtiges Rohmaterial abgeliefert werden, und um die Sterblichkeitsrate bei den unterernährten Kindern zu senken, organisierte die Gemeinde Kartoffelspenden aus dem Osten und Ferien auf dem Land. Dafür freute sich die Gemeinde Buer, zu der Beckhausen bis zur Selbstständigkeit 1961 gehörte, dass sie 1924 mit der Währungsreform praktisch schuldenfrei wurde. „Der Bau der Kirche war nach knapp zehn Jahren finanziell abgeschlossen“, so Naumann.

Von der inneren Spaltung der Gemeinde zu NS-Zeiten, Gleichschaltung, Repressalien und der Zerstörung von Kirche und Nebengebäuden im Krieg berichtet die Chronik ebenso wie vom mutigen Wiederaufbau 1951. 1975 zählte die Gemeinde 12 600 Glieder – heute sind es 5900. Und wieder ist die Kirche (nach 1982) eine Baustelle, buchstäblich und symbolhaft: Derzeit wird ihr Turm saniert, geplant ist aber auch, sie fit zu machen für spezielle Bedürfnisse. „Die Kirche soll neben Gottesdiensten mehr ein Veranstaltungsort der Gemeinde mit vielen Facetten werden“, so Naumann.