Nachbarn als Lehrer

Foto: Dirk Bauer
Foto: Dirk Bauer
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen-Hassel.. „Gibt es auch Frauen unter Tage?“ „Was ist in der weißen Flasche?“ „Wie funktioniert der Selbstretter?“ Die Fragen kommen spontan und Wolfgang Steffen weiß auf alles eine Antwort. 30 Jahre war er Bergmann und heute steht er vor der Klasse 7a der Förderschule Bergmannsglückstraße, um von seinem Beruf zu berichten.

Steffen ist ein Nachbar der Schule und macht mit beim Bergmannsglücker Bildungsprojekt. Hinter diesem Projekt steht ein lockerer Zusammenschluss von Nachbarn der Bergmannsglückstraße, die sich eigentlich nichts anderes vorgenommen haben, als aktive Nachbarschaftshilfe zu leisten. Der Nachbar, den die Bürger meinen, „wohnt“ in der Hausnummer 75 und ist eben die Förderschule Bergmannsglückstraße mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.

„Hier wohnt so viel Wissen und so viel Erfahrung, warum soll man das nicht an junge Menschen weitergeben?“ fragten sich die Nachbarschaftshelfer und nahmen Kontakt zur Schule auf.

„Wir haben die Idee gern aufgenommen und wie man sieht, klappt das wunderbar“, freut sich Schulleiter Andreas Menzel über die ersten positiven Erfahrungen mit der Nachbarschaftshilfe.

Wolfgang Steffen, der zweite Bergmannsglücker „Nachbarschafts-Lehrer“ hat sich gut auf seine Doppelstunde in der 7a vorbereitet. Er trägt Bergmannskluft und hat einen ganzen Korb voller Schaustücke auf dem Pult ausgebreitet. Dazu hat er sich eine Informations-CD „Erlebnisreise Bergbau“ von seinem ehemaligen Arbeitgeber RAG besorgt. Sie ist der rote Faden, an dem sich der Bergmann in seiner ungewohnten Lehrerrolle orientiert. Und er trifft mit seiner Unterrichtsgestaltung sofort den richtigen Ton: „Ich habe früher auch in so nem Bergwerk gearbeitet. Habt ihr auch Bergleute in der Familie?“ Sofort gehen einige Finger hoch und das Gespräch ist eröffnet. „Mein Opa war unter Tage, der ist aber leider schon tot!“ Ganz diszipliniert wird erst geantwortet, wenn „Lehrer Steffen“ den jeweiligen Schüler aufruft, Disziplin scheint in der Klasse von Lehrerin Jasmin Schmiallek kein Problem zu sein. „Hier funktioniert das Zusammenleben gut. Man merkt den Schülern aber auch an, dass sie vom Thema gefesselt sind. Außerdem kommt Herr Steffen sehr gut an“, beschreibt Schulleiter Menzel seinen Eindruck der ungewöhnlichen Doppelstunde.

Inzwischen ist Bergmann Steffen mit seinem Multi-Media-Vortrag unter Tage angekommen, schildert die Gefahren und erzählt von den Anfängen des Bergbaus, als Kanarienvögel noch als Warninstrumente für zu hohe Methankonzentrationen dienten und die typischen Grubenlampen noch zum Einsatz kamen.

Natürlich hat Steffen eine historische Grubenlampe mitgebracht. Zu seinen Demonstrationsobjekten gehört auch ein „Selbstretter“, der bei den Schülern auf großes Interesse stößt. Größer, als der Bergbau-Rentner erwartet, den er wird gebeten, den Retter doch einmal vorzuführen. „Wie war das doch gleich. Ich glaube, den Hebel muss ich lösen. Da könnt ihr mal sehen, wie siecher der Bergbau heute ist, dass ich das Ding nie gebraucht habe.“ Schließlich klappt es doch und er atmet schnaufend durch die Schutzmaske.

Mit dem Pausenläuten sieht man nur zufriedene Gesichter. Die Klassenlehrerin, die nicht einmal eingreifen musste, und der Schulleiter sind sichtlich beeindruckt, die Schüler inspizieren noch einmal die Schaustücke und bei Steffen fällt die Spannung ab: „Das hat ja ganz gut geklappt.“

 
 

EURE FAVORITEN