Kerstin Kubitzeks Stärke ist das Gefühl für die Patienten

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Die 49-Jährige entschied sich für die Umschulung zur Physiotherapeutin, obwohl sie bereits wusste, dass sie irgendwann erblinden würde. Heute verlässt sie sich in ihrem Beruf ganz auf ihr Gefühl und den Tastsinn und ist bei den Patienten beliebt, weil sie „anders“ behandelt.

Kerstin Kubitzek leistet täglich Handarbeit. Gefühlvolle Handarbeit. Die Hasselerin ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis und bekannt für ihr gutes Händchen für Wehwehchen und größere Probleme. Dass sie blind ist, wissen einige ihrer Patienten gar nicht, so sicher ist sie in ihrer Praxis, so offensiv reicht sie einem die Hand, lächelt dem Gegenüber ins Gesicht.

Kerstin Kubitzek leidet unter einer Krankheit, die verhindert, dass die Netzhaut durchblutet wird. In der Folge stirbt diese ab. Schon in der Schule benötigte sie eine Lupe. Eine Zeit, in der für sie die Weichen eigentlich schon gen Physiotherapie gestellt waren. „Als Kind habe ich dem Papa immer gern die Füße massiert.“

Doch als sich die Frage stellte, wollte Kerstin Kubitzek lieber gleich ins Berufsleben einsteigen, machte eine Ausbildung zur Schuhfachverkäuferin. „Da kam ich blind zurecht. Ich fand sofort jeden Schuh im Lager – sogar schneller, als meine Kolleginnen.“ Denn je mehr die Sehfähigkeit wich, desto mehr lernte die heute 49-Jährige, sich auf Anderes zu konzentrieren. „Ich kann mir Sachen sehr gut merken. Wenn ich bei jemandem bin, merke ich mir, das sind drei mal acht Stufen. Das weiß ich in einem Jahr noch.“

Umschulung vor 20 Jahren

Vor 20Jahren und mit dem Wissen, irgendwann blind zu sein, entschied sich Kerstin Kubitzek für eine Umschulung zur Physiotherapeutin, sammelte Berufserfahrung. „Irgendwann habe ich gedacht, das kann ich auch alleine machen.“ Unterstützt von Ehemann Rainer wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Von Beginn an lief der Praxisbetrieb gut. „Ich habe sofort eine junge Physiotherapeutin eingestellt, denn wir hatten gleich so viele Patienten, das hätte ich alleine gar nicht geschafft.“

Die Blindheit wirkt sich auf den Beruf aus. „Ich kann Dinge gut ertasten“, sagt Kerstin Kubitzek. „Viele Menschen kommen gerne zu mir – sie sagen, dass ich anders behandele.“ Schwierigkeiten warten bei Fortbildungen. „Die gibt es kaum für Sehbehinderte. Ich melde mich immer als Freiwillige für die Vorführungen. Wenn ich die Behandlungen fühle, verstehe ich das. Die meisten Menschen können schlecht beschreiben.“

Oft in fremde Autos eingestiegen

Kerstin Kubitzek ist eine selbstständige Frau und Geschäftsfrau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Mit Einschränkungen jedoch muss sie leben. „Ich merke das schon. Ich habe zum Beispiel Probleme, wenn im Herbst die Blätterhaufen auf den Wegen liegen. Wenn sie ungebremst in einen solchen Haufen laufen, das ist nicht witzig.“

Lustig ist auch nicht, dass sie ein geliebtes Hobby aufgeben musste: das Ski-Fahren. Immerhin übte sie es bis vor zwei Jahren aus. „Ich bin den Pfiffen meines Mannes hinterher gefahren. Nur manchmal pfiffen auch andere und ich bin dem falschen Mann hinterher. Das war dann schon eine Überraschung, wenn ich den eingeholt hatte“, lacht Kerstin Kubitzek, die vieles mit Humor nimmt. „Wenn ich an der Straße warte, weil mein Mann mich abholen will – was meinen sie, wie oft ich schon in ein fremdes Auto gestiegen bin.“

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