Ernst Papies: erst verfolgt, dann vergessen

Verhaftet, verurteilt, befreit, überlebt: Dieser Stolperstein auf dem Bürgersteig der Cranger Straße 398 erinnert jetzt an Ernst Papies.
Verhaftet, verurteilt, befreit, überlebt: Dieser Stolperstein auf dem Bürgersteig der Cranger Straße 398 erinnert jetzt an Ernst Papies.
Foto: Funke Foto Services
Ein Stolperstein an der Cranger Straße 398 erinnert an Ernst Papies, der von den Nationalsozialisten gequält und von der Bundesrepublik missachtet wurde.

Gelsenkirchen-Erle.  . Wenn Häuser erzählen könnten, die Cranger Straße 398 wüsste viel zu berichten über Ernst Papies, der 1909 an der Wilhelmstraße geboren und evangelisch getauft wurde, später in dem Eckhaus zur Hermannstraße in der ersten Etage wohnte, dort verhaftet und in Konzentrationslager deportiert wurde. Der Stolperstein, den der Künstler Gunter Demnig am Freitag in den Bürgersteig schlug, erinnert daran, dass Papies Buchenwald, Auschwitz und Mauthausen überlebte und dennoch kämpfen musste. Ernst Papies’ „Vergehen“: Er war homosexuell.

Jürgen Wenke von der Beratungsstelle Rosa Strippe in Bochum hat die Lebens- und Leidensgeschichte von Ernst Papies dokumentiert. Er legt Wert auf eine differenzierte Betrachtung: „Ernst Papies war ein Verfolgter, kein Opfer.“

Was umso schwerer wiegt: Papies ist durch die Hölle gleich mehrerer Konzentrationslager gegangen, kehrte ausgemergelt und als kranker Mann nach Erle zurück und musste miterleben, wie die junge, demokratisch verfasste Bundesrepublik sich weigerte, seine Anträge auf Wiedergutmachung und Entschädigung für das erlittene Unrecht positiv zu bescheiden. Selbst Schreiben an Bundeskanzler und Bundespräsident, zahlreiche Protestschreiben und Gerichtsverfahren führten nicht zum Erfolg.

In der Nachkriegszeit zum Opfer geworden

Dass sich niemand für dieses Verhalten entschuldigt hat, wertet Jürgen Wenke als Skandal: „Ernst Papies ist erst in der Nachkriegszeit zum Opfer geworden.“ Durch einen Staat, der einen Teil der menschenverachtenden Gesetzgebung der Nationalsozialisten einfach fortbestehen ließ.

Erst durch Wenkes Recherchen wurde Papies Neffe auf die Lebensgeschichte seines Onkels aufmerksam. „Ich wollte das zuerst gar nicht glauben, denn wir kannten ihn als lebenslustigen Menschen“, erinnert er sich an Ernst Papies, der seit 1960 in Konstanz lebte und dort neuen Halt fand bei den Zeugen Jehovas. Am Ende hat Ernst Papies „geschafft, was man kaum schaffen kann“, so Jürgen Wenke: Er ist in seiner neuen Heimat am Bodensee glücklich geworden, wo er sehr zurückgezogen, aber akzeptiert von seiner Religionsgemeinschaft, ein bescheidenes Leben lebte.

Neue Heimat am Bodensee

Ob er einsam war? „Er hatte seinen Gott“, ist sein Neffe überzeugt. Auch in Konstanz erinnert wenig an Ernst Papies. Nur ein Grabstein mit dem schlichten Schriftzug „Onkel Ernst“. Dabei könnte auch dieser Grabstein viel erzählen.

EURE FAVORITEN