Die verschwundene Polizistin von Gelsenkirchen

Im Frühsommer 2010 verschwand die ehemalige Polizistin Annette Lindemann. Von ihrer Leiche fehlt jede Spur. Ihr Mann gilt als tatverdächtig, doch beweisen kann ihm die Polizei nichts.

Gelsenkirchen.. Irgendwo draußen wird sie liegen. Vermutlich vergraben. An einem Ort fernab öffentlicher Wege. An einem Ort, an dem niemand Abschied nehmen kann von der 44-Jährigen. Fast acht Monate ist es jetzt her, dass die Gelsenkirchener Polizistenfrau Annette Lindemann, Mutter von vier Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren, verschwand. Und noch immer fehlt jede Spur von ihr.

Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist weiterhin Ehemann Dirk der mutmaßliche Täter. Sie glauben, dem Polizeibeamten von der Gelsenkirchener Wache Nord in Buer nachzuweisen, dass er seine Ehefrau in der Nacht zum 30. Mai 2010 im Schlafzimmer der Ehewohnung getötet und die Leiche an einen unbekannten Ort gebracht hat. Aber Anklage gegen ihn erhebt die Staatsanwaltschaft nicht. „Uns fehlt die Leiche“, sagt Staatsanwalt Marcus Schütz.

Rolf Lichtenberg fehlt die Schwester. „Ich bin traurig, wütend, enttäuscht“, sagt der 57 Jahre alte Beamte. Damit meint er nicht die Ermittlungsarbeit: „Die Mordkommission hat sehr engagiert ermittelt.“ Er beschreibt mit diesen Worten seine Gefühle, nachdem ihm und seiner Frau klar wurde, dass er seine Schwester nicht mehr lebend wiedersehen wird. Schwer zu schaffen macht ihm auch, dass er keinen Kontakt mehr zu seinen vier Neffen hat. Denn den könnte er nur über den Mann bekommen, den er für den Mörder seiner Schwester hält.

Kein Abschied am Grab

„Ich habe ihm klipp und klar gesagt, er soll für Annette einen würdigen Abschluss ermöglichen, er soll dabei an die Kinder denken.“ Dass die Kinder keinen Abschied von ihrer Mutter nehmen durften, dass es kein Grab gibt, keine Beerdigung – es macht ihn traurig und wütend. In Essen-Kupferdreh sind seine Schwester und er aufgewachsen. Er, der Ältere, hat gesehen, wie sie zur Polizei ging, ihren Mann kennenlernte und nach einem Unfall berufsunfähig wurde. Dann kamen die Kinder, es sah alles harmonisch aus.

Am 7. Juni 2010 hatte Dirk Lindemann seine Ehefrau als vermisst gemeldet. Seit dem 2. Juni sei sie verschwunden. Rolf Lichtenberg glaubt dem Schwager kein Wort: „Ich halte ihn für den Schuldigen.“ Dass seine Schwester aus der Wohnung läuft und ihre Kinder im Stich lässt, weil ihr Mann fremdgeht? Nie. „Sie würde ihn rausschmeißen“, ist sich Lichtenberg sicher. Er räumt aber ein, dass er auch den Schwager anders beurteilt hatte, bevor dieser in Verdacht geriet: „Ich hatte immer einen guten Eindruck von ihm.“

Auf rund 3000 Seiten hat die „MK Buer“ niedergeschrieben, was sie bislang in diesem Fall ermittelt hat. Als der erste Verdacht auf den Polizisten Dirk Lindemann fiel, hat die Gelsenkirchener Polizei das Verfahren an die Essener Mordkommission abgegeben, um gar nicht erst den Verdacht der Kumpanei aufkommen zu lassen. Auszuschließen glaubt die Kripo, dass Annette Lindemann Selbstmord beging oder ihre Familie verließ. Denn dazu passt nicht, dass vermutlich am 3. Juni an einer Halde in Gelsenkirchen-Scholven die Matratzen aus dem Ehebett der Lindemanns verbrannt wurden.

Im Brandschutt findet sich auch noch ein Esprit-Jeansknopf mit DNA-Spuren, die zu Annette Lindemann passen könnten. Ehemann Dirk ordnen die Ermittler zudem den Kauf zweier Matratzen am 31. Mai im Dänischen Bettenlager zu.

Am 25. Juni entdecken Spaziergänger im Waldgebiet „Haard“ bei Marl den Mercedes „Viano“ (GE-AL 2701), den Annette Lindemann fuhr. Er ist vollständig ausgebrannt, Spuren gibt es nicht. Für die Kripo ist klar: Bei den Matratzen und beim Auto musste ein Täter Spuren vernichten, die auf den gewaltsamen Tod der Vermissten hinwiesen.

Spürhunde suchten

Eine Fährte gibt es: Spürhunde, denen eine Geruchsprobe von Dirk Lindemann vorgehalten wird, laufen vom Autowrack im Wald schnurstracks zum acht Kilometer entfernten Haus seines Vaters in Marl, in dem Dirk Lindemann sich oft aufhielt. Der Verdacht: Mit dem Fahrrad radelte er vom Brandort zum Haus des Vaters, wo er seinen eigenen Pkw abgestellt hatte.

Schon in den Tagen vor dem Fund des Autos hatte die „MK Buer“ ein Lügengeflecht des Dirk Lindemann ans Tageslicht gebracht. Trotz einer völligen Überschuldung lebte er auf 180 Quadratmetern in einer wohlhabenderen Wohngegend von Buer. Zusätzlich hatte er seit Anfang des Jahres gegenüber der Polizeiwache Nord ein Appartement angemietet. Und er hatte seit über einem Jahr ein Verhältnis mit einer 33 Jahre alten Kollegin, die seit dem Frühjahr schwanger von ihm war. Sexuelle Kontakte hatte er zeitgleich auch noch zu zwei anderen Frauen. „Der ging nicht fremd, der führte ein Doppelleben“, ordnet Wolfgang Küpper-Fahrenberg, Nebenklageanwalt von Rolf Lichtenberg ein. „Dirk, der stille Frauenheld“, nannte den Verdächtigen ein männlicher Kollege. Eine Freundin seiner Frau bezeichnete ihn als „Traumehemann“

Nur ehrlich war der 43-Jährige nicht. Seine Geliebte gab freimütig Auskunft. Wenn er einen gemeinsamen Urlaub versprochen hatte oder sie seine Ehefrau zur Aussprache treffen wollte, sei immer etwas dazwischen gekommen. Kurzfristig habe Dirk Lindemann wegen schlimmer Schicksalsschläge abgesagt: Tod seines Vaters, seiner Schwester, seines Schwagers, Brustkrebs der Ehefrau. Nichts davon stimmte. Und seiner Geliebten, die immer mehr auf ein Treffen mit seiner Frau drängte, soll er sogar schon am 12. Mai erzählt haben, Annette Lindemann sei verschwunden.

Verdachtsmomente sind es, Indizien

Wieder eine Lüge. Sie selbst sah die Nebenbuhlerin später in Buer. Und versuchte Ende Mai mehrfach, Annette Lindemann zu treffen. Eine Katas­trophe für ihren Ehemann. Denn die Trennung von seiner Frau hätte für ihn den finanziellen Ruin bedeutet, sind sich die Fahnder sicher.

Aber auch die Geliebte gerät in Verdacht, irgendetwas mit dem Verschwinden der Frau zu tun zu haben. Auch sie verwickelt sich in Widersprüche, hat Erinnerungslücken. Und zur mutmaßlichen Tatzeit sind in ihrem Handy entgegen sonstiger Gewohnheit alle SMS von Dirk Lindemann gelöscht. Nur für diesen Zeitraum, rund 70 Nachrichten waren es.

Verdachtsmomente sind es, Indizien. Mehr nicht. Aber keine durchschlagenden Beweise gegen den immer noch unbekannten Menschen, der weiß, wo da draußen der Leichnam der Annette Lindemann liegt.

 
 

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