Die Hürde des ersten Satzes

Valentin (11) und Leon (9, re.) versuchen sich als Nachwuchsautoren. Monika Schmidt und Christian Spiegel hören gespannt zu.
Valentin (11) und Leon (9, re.) versuchen sich als Nachwuchsautoren. Monika Schmidt und Christian Spiegel hören gespannt zu.
Foto: WAZ FotoPool

„Ich möchte unbedingt wissen, wie Timos Geschichte weitergeht“, sagt Christian Spiegel im Stuhlkreis. Gemeinsam mit Monika und Kira Schmidt betreut der Lehrer eine Schreibwerkstatt, bei der zehn Kinder der Förderschule Bergmannsglückstraße mitmachen. Doch die erheben Einspruch: Sie wollen lieber weiterschreiben an ihren Geschichten, schließlich neigt sich das Projekt dem Ende zu.

Schulleiter Andreas Menzel freut sich über die Begeisterung der Kinder aus den Klassen 4 bis 6. „Unsere Schule hat den Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung“, sagt er. „Allein die Tatsache, dass alle einander so gut zuhören, ist toll. Im Unterricht kann das schwierig sein.“ Als Alex seine Geschichte im Stuhlkreis nicht vorlesen möchte, melden sich andere freiwillig – ehe der Autor doch selbst übernimmt. Er greift die Detektivgeschichte der „Drei Fragezeichen“ auf und spinnt ein weiteres Abenteuer des Trios hinzu.

Die Teilnahme an der Schreibwerkstatt ist freiwillig, die Jungautoren können sich ihre Geschichten selbst ausdenken. Neben autobiografisch geprägten Erzählungen fabrizieren die Schüler Krimis und Gruselgeschichten: Valentin jagt seinen Protagonisten eine mörderische Puppe auf den Hals. „Der Junge schläft in der Schule ein, und die Puppe, die er für ein Projekt mitgebracht hat, wird lebendig“, fasst der Elfjährige zusammen. Schulleiter Menzel kann bei seinem Gastauftritt in der Kurzgeschichte aber helfen, die Puppe unschädlich zu machen.

Die Idee zur Geschichte sei ihm beim Blick aus dem Fenster gekommen – in ein anderes Fenster der Schule, sagt Valentin. Die häufigste Hürde allerdings sei der erste Satz. „In solchen Fällen haben wir gemeinsam die Geschichte entwickelt und in Bildern besprochen“, erklärt Monika Schmidt. Sobald die ersten Zeilen verfasst waren, flossen die folgenden wie von selbst aufs Papier. Wie bei Timo, der mit seiner „Geschichte vom Hyperlymp“ Seite um Seite füllt.

Christian Spiegel: „Diese Werkstatt ist eine schöne Gelegenheit, andere Wege zu gehen“, fernab von den Richtlinien im Lehrplan – ein solch ausführliches Projekt sei im normalen Unterricht gar nicht zu schaffen. „Diesen Raum kann der Alltag nicht bieten. Wir möchten unsere Schüler vorbereiten auf die Rückführung an ihre alte Schule.“

Zum Abschluss laden Monika und Kira Schmidt die Autoren heute zu sich ein. Bei einem gemeinsamen Frühstück wollen sie noch ein paar Geschichten hören. Für jeden Schüler gibt es ein handgebundenes Exemplar der gesammelten Werke. Offiziell vorstellen möchte Andreas Menzel das Buch schließlich bei der Eröffnung der neuen Schulbücherei im Mai.

EURE FAVORITEN