Zwei Spendenfischer fürs „Spatzennest“

Das Schicksal des Mädchens will Freddy Fischer nicht mehr aus dem Kopf. Als die Kleine aus ihrer Familie geholt wird und in der Notaufnahme des Kinderschutzbundes landet, gibt sie nur wenige leise Laute von sich, die den Betreuern zunächst Rätsel aufgeben. Doch als sie erfahren, dass die Eltern ihr Kind weggeschlossen haben, wenn es ihnen lästig wurde, findet sich die Erklärung in einem Käfig in der Ecke eines kleines Zimmers: Das Mädchen klingt wie das Meerschweinchen, mit dem es sich viel zu lange und viel zu oft die Tage und Nächte teilen musste. Sprechen kann die Kleine nicht.

Freddy Fischer kennt diese und viele andere traurigen Geschichten aus seinen Besuchen im „Spatzennest“. Seit Jahren schon fördert der Essener Unternehmer neben anderen sozialen Projekten die Einrichtung des Kinderschutzbundes im Essener Norden, finanziert mit Geldern aus seiner Stiftung teure Ergo- und Sprachtherapien für bis zu fünf Kinder pro Jahr und will sich weiter engagieren: Auch den dringend notwendigen Neubau der zweiten Notaufnahme für die jüngsten unter den misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern, der an der Zweigstraße in Borbeck entsteht, unterstützt Fischer. Einen Spenderstein (siehe Kasten) hat er bereits erworben und noch mehr vor: Auf seiner Facebook-Seite will der Spenden-Fischer trommeln für die kleinen Spatzen. Im Rahmen seiner jährlichen Weihnachtsaktion für die bestehende Einrichtung sollen die Unterstützer bald selbst entscheiden können, wofür sie Geld geben wollen: für das neue Spatzennest in Borbeck, das im kommenden Jahr die ersten Schützlinge aufnehmen soll, oder wie bisher für die Therapien, die viele Kinder in dem bereits existierenden „Spatzennest“ so dringend nötig haben.

Sich engagieren, wo die Förderer sonst nicht gerade Schlange stehen, das ist ein Prinzip der 2008 gegründeten Freddy Fischer-Stiftung, die sich schnell entwickeln konnte. Denn etliche Freunde und Bekannte wurden aufmerksam und haben sich der Idee der guten Tat gleich angeschlossen. Und so kam neben dem „Spatzennest“ und dem Borbecker Don Bosco-Club die Freie Schule Katernberg hinzu. Einrichtungen, die allesamt dem benachteiligten Nachwuchs helfen, aber auch irgendwie dazu da sind, daran zu erinnern, dass die Stadt zweigeteilt ist und wie viel Glück es braucht, um es auf die schöne Seite des Lebens zu schaffen. Mit 50.000 Euro Stammkapital im vergangenen Jahr gegründet, konnte die Stiftung im vergangenen Jahr 86.500 Euro in verschiedene Projekte investieren. Die Zahl der Unterstützer wird weiter wachsen, ist sich Fischer sicher. Dafür werde er zusammen mit seinem Stiftungsrat Arnd Brechmann schon sorgen, auch um den Kinderschutzbund bei seinem wichtigen Neubauvorhaben zu unterstützen.

Da das „Spatzennest“ in Altenessen dauerbelegt ist und die Kinder, die geschützt werden müssen, zusehends jünger werden, entsteht in Borbeck ein zweites „Spatzennest“ für die Jüngsten, die einer besonderen Fürsorge bedürfen. 1,2 Millionen Euro will der Kinderschutzbund in den Neubau investieren – 900.000 Euro davon müssen aus Spendenmitteln finanziert werden. Die NRZ unterstützt dieses Vorhaben und bittet alle Leserinnen und Leser einmal mehr um Mithilfe, damit das für die Kinder dieser Stadt immens wichtige Projekt realisiert werden kann.

Zum Hintergrund: 1400 Mal gingen die Mitarbeiter der Sozialen Dienste im vergangenen Jahr dem Verdacht nach, dass das Wohl eines Kindes in dieser Stadt gefährdet sein könnte. In acht von zehn Fällen stellte sich heraus, dass Hilfen angesagt waren. Die Zahl der Inobhutnahmen wegen Misshandlung, Missbrauchs und Verwahrlosung hat 2014 ein trauriges Rekordniveau erreicht: Nach einer Statistik des Jugendamtes mussten 573 Kinder in Obhut, also vorübergehend oder auch für längere Zeit aus ihrer Familie genommen werden, weil sie akut gefährdet waren. 99 davon waren nicht einmal sechs Jahre alt, jedes dritte Opfer hatte das dritte Lebensjahr noch nicht erreicht.

Und in diesem Jahr musste der Kinderschutzbund in seiner bestehenden Altenessener Notaufnahme „Spatzennest“ schon wieder über 50 Kinder aufnehmen. Rund 100 finden aber Jahr für Jahr keinen Platz in der Einrichtung, die notorisch ausgebucht ist.

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