Zauberer der Migration

Heute ein politischer Zankapfel, damals ein Ereignis: „Türkisches Beschneidungsfest, Essen 1983“.
Heute ein politischer Zankapfel, damals ein Ereignis: „Türkisches Beschneidungsfest, Essen 1983“.
Foto: WAZ
Henning Christoph hat Foto-Klassiker geschaffen. Seine Bilder von „Türken im Ruhrgebiet“ sind berühmt. Jetzt hat das Ruhr Museum sein Bildarchiv übernommen

Essen.. Für die türkischen Kinder im Viertel war er damals „der Zauberer“. Und jedes seiner Fotos, das die Dunkelkammer in Frohnhausen verließ, wurde mit Applaus bedacht. Henning Christoph war eben nicht nur der distanzierte Beobachter, sondern immer nah dran und mittendrin im langen und wechselvollen Prozesses namens Migration. Dass das Ruhr Museum auf Zollverein dieses wichtige Kapitel der Ruhrgebietsgeschichte künftig noch umfassender bebildern kann, ist der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zu verdanken, die den Ankauf des Bildarchivs des weit gereisten Essener Fotografen möglich gemacht hat.

Mehr als 30.000 Negative

Zu den mehr als 16.000 Negativen, fast 300 Abzügen und 100 Dia-Positiven, die mit Hilfe der Stiftung angekauft werden konnten, hat Christoph dem Museum noch einmal mehr als 30.000 Negative und Abzüge als Schenkung hinterlassen. Ein reiches Themen-Spektrum vom Smogalarm im Ruhrgebiet bis zum Teds-Treffen in Oberhausen. Für Sigrid Schneider, Leiterin der Fotografischen Sammlung, ein Glücksfall: „Bei Ausstellungen zur Ruhrgebietsgeschichte müssen wir jetzt nichts mehr ausleihen.“

Die staunenden Kinder von damals kennt der Bilder-„Zauberer“ und mehrfache World-Press-Photo-Award-Gewinner bis heute. Und er hat ihnen eine Welt bewahrt, die den Einwanderern der späteren Generation längst fremd geworden ist. „Wenn ich jungen Türken heute die Bilder zeigen, ist das für die exotisch“, sagt der 68-Jährige.

„Türken im Ruhrgebiet“

Es sind Bilder wie die vom Beschneidungsfest, zu dem ihn der türkische Nachbar 1983 einlädt. Christoph, der in Amerika Anthropologie studiert hat und 1967 vor allem wegen Fotografen-Legende Otto Steinert nach Essen kommt, ist fasziniert von diesen fremden Welten, den unbekannten Ritualen. Er fotografiert Brautpaare, mit Scheu im Blick und den zugesteckten Geldscheinen auf der Brust, heute Ikonen der Ruhrgebietsfotografie und erlebt noch das Schächten auf dem Hinterhof. „Am Leben im Ruhrgebiet habe ich erst richtig teilgenommen mit den Türken.“ Jahrelang fotografiert er Kinder in der Koranschule, das Mittagsgebet im Industriegebiet und heimkehrende Mekka-Pilger. Aus seiner Serie „Türken im Ruhrgebiet“ wird mit mehr als anderthalb Jahren auch der längste je vergebene Geo-Auftrag. Vertrauen braucht eben Zeit und „ich fang nicht an, ehe ich das Vertrauen habe.“

Dieser Satz gilt bis heute, auch wenn Christoph längst neue ferne Welten für sich erschlossen hat, beispielsweise in seinem Vodoo-Museum. „Ein neues Migranten-Thema könne ich mir noch vorstellen“, sagt Christoph. Aber jetzt ist er erst mal froh, seine Arbeiten in guten Händen zu wissen.

 
 

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