Wohnburgen und offene Parklandschaften von Krupp

Luftig und mit weiten  Grünanlagen - so wie hier am Alfredspark stellte sich Krupp in den 1950er-Jahren das Thema „Schöner Wohnen“ vor. Die Idee war nicht übel.
Luftig und mit weiten Grünanlagen - so wie hier am Alfredspark stellte sich Krupp in den 1950er-Jahren das Thema „Schöner Wohnen“ vor. Die Idee war nicht übel.
Foto: WAZ FotoPool
Rund um den Luisenhof in Frohnhausen und Holsterhausen lassen sich wie in einer Zeitreise die bewegte Geschichte, der hohe Anspruch und die Experimentierfreude des einstigen Krupp-Wohnungsbaus in Essen besichtigen. Und man lebt hier immer noch gern.

Essen.. Die Margarethenhöhe ist bekannt für hohen Idyllefaktor und gilt vielen als die Krupp-Siedlung schlechthin. Doch wenn irgendwann einmal die lohnende Gesamtgeschichte des Krupp-Wohnungsbaus in Essen geschrieben werden sollte, wäre der Autor fast nur in Frohnhausen und Holsterhausen unterwegs. In beiden Stadtteilen besaß das Unternehmen riesige Flächen, die es für Werkswohnungen nutzte. Bis heute sind diese Siedlungen hier prägend, auch wenn sie längst andere Eigentümer haben. An der Ecke Liebigstraße/Münchener Straße, genau auf der Stadtteilgrenze, lässt sich im Umkreis von nur wenigen Hundert Metern eine Zeitreise durch den Krupp-Siedlungsbau von 1900 bis etwa 1970 unternehmen.

Fixpunkt ist der ab 1910 erbaute Luisenhof I, nach außen eine bewusst trutzig wirkende Wohnfestung, die im schönen, ruhigen, baumbestandenen Innenhof ihre eigentliche Qualität offenbart. Dort nämlich, im Kreise der damals allein zutrittsbefugten Kruppianer, sollte sich das soziale Leben abspielen. Die Balkone und selbst die Haustüren sind ausnahmslos nach innen verlegt, was nach außen den abweisenden Charakter verstärkt.

Bei Krupp wurde das Wir-Gefühl übersetzt in Bauphilosophie

Der einige Jahre später entstandene Luisenhof II auf der anderen Seite der Münchener Straße wirkt etwas offener, aber auch hier bleibt das Hof-Prinzip kennzeichnend, das ganz der Krupp-Philosophie entspricht. Es galt, das Wir-Gefühl der Werksgemeinschaft bis weit in den privaten Bereich hinein fortzusetzen und möglichst zu verstärken. Nicht zufällig tauchte das heimelig gemeinte Wort „Hof“ im Namen fast aller Werkssiedlungen auf.

Wie anders dagegen die sich unmittelbar anschließende Siedlung „Am Alfredspark“, die vor ihrer fast völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg noch Alfredshof hieß. Krupp probierte auf diesem Areal praktisch alles aus, was der Architektur-Baukasten ab etwa Mitte der 1950er-Jahre hergab, hier einer alten Tradition folgend. Kein Großunternehmen war stets so bau- und dabei experimentierfreudig wie Krupp, und Essen hat davon bis heute stark profitiert.

Die umfriedete, gemütliche Siedlung galt in den 1950er Jahren als unmodern

Nur die Moden hatten sich in den 1950ern völlig verändert. Gerade das Hof-Prinzip, der geschlossene Block, die umfriedete Siedlung, galten als unmodern und waren damit ausgeschlossen. Stattdessen: verschachtelte Reihenhäuer quer in den Alfredspark gesetzt, Riegel-Häuser mit luftigen Balkonen, kühne Punkt-Häuser an der späteren Autobahn A 40, damals B 1, und selbst ein ausgewachsenes Wohnhochhaus an der Hobeisenbrücke durfte sein.

Ein Sammelsurium von Stilen, das alles andere als urban ist und heute kaum noch jemand schön findet. Für die Zeitgenossen war es wie eine Offenbarung. Wohnen in offenen - und wie man dachte - gesunden Parklandschaften war bis dato nur Reichen vorbehalten, denn Grund und Boden waren knapp - außer bei Krupp.

Essen entdecken Der Luisenhof wirkt gepflegt, der Alfredspark nicht mehr so ganz

Und heute? Das Prinzip Luisenhof scheint am Ende in puncto Beliebtheit die Oberhand behalten zu haben. Beide Teile der Siedlung wirken recht gepflegt und angenommen. Am Alfredspark hingegen machen viele Wohnhäuser und der Park selbst doch einen zunehmend prekären Eindruck. Bedenkt man die Bau-Idee, ist das sehr schade.

EURE FAVORITEN