Wo die Erinnerung Station macht

Christina Wandt
Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool

Essen. Immer mehr Altenheim-Bewohner sind dement. Nun wird in der Seniorenarbeit umgedacht: Altenheime bauen Bushaltestellen-Attrappen, Rosengärten und falsche Strände, um die Sinne der dementen Bewohner anzusprechen.

Etwa 80 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegheimen sind dement; die rüstigen Alten, die ihre Tage mit Gehirnjogging und Rummikub verbringen, sind längst in der Minderheit. Darum wird in der Altenarbeit nun umgedacht: Heime legen Rosengärten oder ganze Nordseestrände an, um alle Sinne der Senioren anzusprechen.

Nehmen wir diese Bushaltestelle mit Wartehäuschen und drei Sitzplätzen: „Berliner Straße” steht da. Doch wer hier auf die Linien 145 und 147 wartet, der wartet vergeblich. Die Haltestelle im Park des Alfried-Krupp-Heimes in Frohnhausen ist bloße Attrappe. Sollen hier verwirrte Menschen ruhiggestellt werden mit der Aussicht auf einen Bus, der nie kommen wird? Heimleiterin Gabriele Haack weist solche Vermutungen lächelnd zurück: „Viele Bewohner hatten nie ein Auto, die fuhren mit dem Bus zur Arbeit, ins Grüne, zum Einkauf. Die Haltestelle weckt Erinnerungen daran.”

„Ein dementer Mensch ist nicht in seiner Erinnerung dement”

Hier also hält kein Bus, hier hält die Vergangenheit, und die macht auch an vielen anderen Stellen im Park Station. Etwa an den drei Strandkörben, die um eine Sandfläche gruppiert sind. Auch ein Mini-Leuchtturm erinnert hier an die Zeit, da man noch nicht nach Mallorca reiste, sondern nach Amrum. „Ein dementer Mensch ist nicht in seiner Erinnerung dement”, betont Haack. Einer sehr verwirrten Dame etwa habe man nur ein Messer in die Hand drücken und Kartoffeln vor die Nase stellen müssen, schon habe sie los geschält. Mag ein Demenzkranker den Vortag vergessen haben, solche Fertigkeiten sind eingeschrieben. Genauso der erste Urlaub am Meer: die Wellen, der Salzgeruch.

Starke Eindrücke haben auch die Gärten der Kindheit oder Mutters Speisen hinterlassen. Darum baut man im Krupp-Heim Küchenkräuter an, darum kann man durch ein Spalier mit Duftrosen laufen, darum wächst hier Heidekraut. Ein Sinnesgarten ist so entstanden, dem ein erprobtes Konzept zugrunde liegt. „Vor Ort kann das verschieden ausgestaltet werden“, sagt Hartmut Lech von der Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen. Die unterhält nebst dem Krupp-Heim sechs Häuser in Essen, in denen seit einigen Jahren nach und nach Sinnesgärten angelegt werden. Man knüpfe da beim beliebten Tier-Konzept an, erklärt Lech.

Sorgen der Bewohner ernst nehmen

Auch Gabriele Haack hält das für den richtigen Ansatz: „Mit rein kognitiven Angeboten wie Gedächtnistraining erreichen wir viele unserer 155 Bewohner nicht; auch zu Ausflügen sind viele nicht fähig.” Die meisten seien weit über 80, viele pflegebedürftig, gehbehindert oder bettlägerig, der Großteil leide unter mittlerer bis schwerer Demenz. Doch während Heim-Kritiker von „Wartesälen auf den Tod” sprechen, will Haack Leben in ihr Heim bringen. Darum bietet der Garten neben Erinnerungs-Stationen auch Grill- sowie Spielplatz für Besucher.

Dass es andernorts Heime gibt, die falsche Bushaltestellen vor dem Eingang platzieren, damit demente Bewohner nicht abhauen, sondern dort warten, kann sie nicht verstehen. „Die Leute wollen ja weg, weil sie in der Vergangenheit leben: Die Männer zieht es morgens zur Arbeit, Frauen wollen mittags nach den Kindern schauen.” Hier müsse man anknüpfen, diese Sorgen ernst nehmen. Übrigens solle man demente Menschen nicht unterschätzen: „Wer hier weg will, setzt sich nicht an die Haltestelle im Garten - der geht vorne raus.”