„Wir müssen Neubürgern etwas bieten“

Das Univiertel ist auch für Zuzügler attraktiv: Rita und Thomas Mickler wohnten freilich schon vorher in Essen.
Das Univiertel ist auch für Zuzügler attraktiv: Rita und Thomas Mickler wohnten freilich schon vorher in Essen.
Foto: WAZ FotoPool
Vor allem junge Zuzügler haben dafür gesorgt, dass Essen zum ersten Mal seit 22 Jahren gewachsen ist. Nun setzt die Stadt darauf, dass ein attraktives Umfeld diese Generation zum Bleiben ermutigt

Essen.  Die Zahl ist nicht groß, die Sensation ist umso größer: Um 1013 Personen ist die Einwohnerzahl Essens 2012 gestiegen – zum ersten Mal seit 22 Jahren. Und Barbara Erbslöh, die das Amt für Statistik und Stadtforschung leitet, glaubt, dass die Zahl von nun 571 407 Essenern in diesem Jahr noch einmal übertroffen wird. „Ich traue mich noch nicht, da einen Trend draus zu machen – aber ich sehe die Chancen für die Stadt.“

Zumindest wenn es gelingen sollte, die Neubürger dauerhaft in Essen zu halten. Das jetzige Plus in der Statistik ist nämlich keineswegs einem Babyboom geschuldet: 4600 Kinder wurden 2012 geboren, 7300 Essener starben. Auch von den 137 000 Pendlern, die täglich aus Nachbarstädten zur Arbeit nach Essen kommen, haben sich nach Erbslöhs Erkenntnissen nur wenige hier niedergelassen. Zu verdanken sei das Bevölkerungswachstum vielmehr Arbeitnehmern aus Osteuropa, Flüchtlingen – und vielen jungen Leuten zwischen 19 und 28 Jahren.

Der Großteil von ihnen absolviert vermutlich eine Ausbildung oder ein Studium; und wegen des doppelten Abi-Jahrgangs rechne man 2013 mit steigenden Studentenzahlen.

„Wir haben als Stadt eine gute Perspektive, wenn wir für diese Altersgruppe ein attraktives Umfeld schaffen“, sagt Erbslöh. „In absehbarer Zeit werden ja auch viele Neubauten fertiggestellt.“ Wobei für die akademische Klientel das Univiertel wohl besonders interessant sei.

Um solche Thesen zu überprüfen, will Erbslöh einen Soziologen gewinnen, der sich im Rahmen einer Diplom- oder Doktorarbeit mit dieser „stadtsoziologisch spannenden Umbruchphase“ befasst. Erste Beobachtungen kann die Allbau AG beisteuern, die im Univiertel baut und das Projekt Niederfeldsee in Altendorf verantwortet. „Es ziehen nicht nur Leute aus der Region, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet her“, bestätigt Allbau-Sprecher Dieter Remy. Das liege selbstredend auch an Arbeitgebern wie Thyssen-Krupp; doch könnten sich deren Angestellte ja genauso gut alle ins Einpendler-Heer einreihen. Hier gehe die Allbau-Strategie auf, trotz der Leerstände neue – ansprechendere – Wohnungen zu bauen, so Remy.

Die Nachfrage sei auch für Altendorf da, wo man erst im Dezember mit der Vermarktung begonnen und für manche Wohnung schon zehn Interessenten habe. „Da waren viele skeptisch, doch das Gesamtpaket mit Wohnen am Wasser stimmt.“

Von den 630 350 Einwohnern des Jahres 1990 ist Essen freilich weit entfernt, und es muss sich erst zeigen, ob das Jahr 2012 eine dauerhafte Trendwende markieren kann. Erbslöh sieht in den jungen Neubürgern immerhin eine doppelte Chance: „Das ist ja auch die Generation der nächsten Mütter und Väter.“

 
 

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