Winterberg: Ansturm aus dem Ruhrgebiet – dieser bittere Grund spielt dabei eine große Rolle

Zahlreiche Tagestouristen strömten am vergangenen Wochenende nach Winterberg. Auch Besucher aus dem Ruhrgebiet hat es ins Sauerland gezogen. Aus einem bitteren Grund.
Zahlreiche Tagestouristen strömten am vergangenen Wochenende nach Winterberg. Auch Besucher aus dem Ruhrgebiet hat es ins Sauerland gezogen. Aus einem bitteren Grund.
Foto: Henning Kaiser/dpa

Es war ein Riesen-Chaos in den Weihnachtsferien in Winterberg! Dutzende Menschen strömten in Scharen in das Winterskigebiet, um sich im Schnee auszutoben - auch aus dem Ruhrgebiet. Aller Appelle der Stadt und Polizei in der Corona-Pandemie zum Trotz! Die Konsequenz: Die Pisten und Zufahrten mussten in vielen Schnee-Regionen in NRW gesperrt werden. Doch das hat neben Corona auch einen ganz anderen traurigen Grund.

Mit Sorge blicken die Verantwortlichen in Winterberg auf das kommende Wochenende in NRW, wappnen sich. Ein erneuter Ansturm wird befürchtet. Die Menschen sitzen zuhause und können im Lockdown nichts unternehmen - was blieb, war das Schneevergnügen, das jetzt aber auch verboten wurde. Das Problem dabei: viel zu viele Menschen tummeln sich alle dicht gedrängt an einem zentralen Ort.

Winterberg/NRW: Ansturm aus dem Ruhrgebiet - aus diesem bitteren Grund

Es würde anders laufen, wenn auch im Flachland wenigstens ein bisschen Schnee fallen würde. Das erhoffte sich auch Michael Beckmann (CDU), Winterbergs Bürgermeister, am Mittwoch für das anstehende letzte Ferienwochenende. Doch das Ruhrgebiet bedeckt von der weißen Pracht? Ich kann mich nur noch dunkel an solche Szenen erinnern.

In meiner Kindheit pflegten meine Eltern morgens zu sagen: „Los, Kinder! Zieht euch die warmen Schneeanzüge an, holt den Schlitten aus dem Keller und schnell nach draußen mit euch. Ab mittags ist der Spaß sicher schon wieder vorbei." Meine Schwester und ich bauten oft Schneemänner im Park, lieferten uns mit Freunden Schneeballschlachten und rodelten die „Hänge" in Essen hinab. Wenn man sie überhaupt Abfahrten nennen durfte ...

+++ NRW: Unheimlicher Brauch zum Jahreswechsel – DAS solltest du jetzt auf keinen Fall tun +++

Als Teenie kann ich mich noch daran erinnern, dass ich andauernd olle Salzränder vom Streuen an meinen Schuhen kleben hatte. Doch heutzutage? Schon lange bin ich nicht mehr mit Winterboots durch den Schnee gestapft. Doch ist diese Wahrnehmung wirklich so? Hat es „früher" mehr geschneit? Ich habe beim Deutschen Wetterdienst in Essen nachgefragt.

-------------------------

Im Ruhrgebiet spricht man Tacheles und redet nicht lange um den heißen Brei herum. DER WESTEN-Redakteurin Julia Scholz beschäftigt sich in der Kolumne „Da sachste, wat Sache ist“ mit aktuellen Themen, die die Menschen im Revier bewegen.

------------------------

Sprecher Thomas Kesseler-Lauterkorn bestätigt meine Theorie. „Es ist tatsächlich so, dass in den letzten sechs bis sieben Jahren kaum noch Schnee in Essen gefallen ist", so der Meteorologe. Einen halbwegs verschneiten Winter habe es im Ruhrgebiet zuletzt 2014 gegeben. „Und das war dann auch eine Riesen-Ausnahme", macht der Experte klar. In dem Jahr konnten sich die Essener über viele Monate hinweg über die weiße Pracht freuen.

Auch der Winter 2009/2010 sei „richtig krass" gewesen. Im Dezember wurden Schneehöhen von 20 bis 30 Zentimeter im Pott gemessen. Wahnsinn! Dass Schneedecken - sie werden ab einen Zentimeter Höhe als solche bestimmt - im Ruhrgebiet liegen bleiben, werde immer seltener. Und rückt seitdem immer mehr in den Hintergrund. Ausschließen will er nicht, dass es nicht doch ab und zu schneien kann, aber das werde immer weniger.

------------------------------

Kältephase im vergangenen Jahrhundert:

  • Obwohl die Temperaturen seit dem frühen 18.Jahrhundert eigentlich stetig steigen, gab es eine Kühlphase zwischen dem Ende der 1930er-Jahre und den späten 1960er-Jahren
  • Als besonders kalt gelten die Winter in den Jahren 1939/1940, 1941/1942, 1946/1947 sowie 1962/1963
  • In Europa fiel etwa 1962 bereits im November Schnee, in Osteuropa fielen die Temperaturen auf minus 40 Grad Celsius
  • Die Kälte zeigte sich auch sehr bildlich. So schwammen im Winter 1962/1963 auf dem niederländischen Wattenmeer ganze Eisberge und der gesamte Bodensee war zugefroren. Das war davor zuletzt 1830 der Fall - und kam seit 1963 kein einziges Mal mehr vor

------------------------------

Als „unglaublich frappierend" macht er den Unterschied zwischen den Klimanormalperioden von 1961 bis 1990 und jenen von 1991 bis 2020 aus. Habe es in früheren Jahren im Schnitt 24 Tage mit einer Schneedecke in Essen gegeben, haben sich diese im letzten 30-Jahreszeitraum fast halbiert! An der Wetterstation in Essen-Bredeney wurden zuletzt nur noch 13 Tage im Mittel gemessen.

„Klimawandel bestimmt die Entwicklung“

„So leid es einem tut, aber der Klimawandel bestimmt diese Entwicklung", macht der Meteorologe die erschreckende Situation deutlich. Denn wir haben derzeit eine hoch-winterliche Wetterlage - auch im Revier. Die Temperatur der Luftmassen ist jedoch zu warm für Schnee im Flachland. Im letzten Winter hatte die Wetterstation deshalb auch keinen einzigen Tag Schnee in 2020 gemessen. 2019 waren es immerhin sechs Tage.

+++ NRW: Dieser Weihnachtsmarkt darf trotz Lockdown öffnen – wir verraten dir, ob es sich lohnt +++

Der Trend setze sich leider fort. Kesseler-Lauterkorn schätzt, dass sich auch in Winterberg und den höheren Lagen des Sauerlandes in etwa 10 bis 20 Jahren einiges verändern wird. Auch dort werde es stetig wärmer.

Aktuelle ernüchternde Wetter-Aussichten für die kommenden Tage hat auch der Deutsche Wetterdienst in Essen parat. Wenn man im Ruhrgebiet aus dem Fenster schaut, können wir zwar die ein oder andere kleine Schneeflocke sehen. In der Nacht zu Freitag könnten sie sogar bei um die 0 Grad kurz liegen bleiben. „Morgens kann es dann leicht gepudert" aussehen, so eine Sprecherin. Aber schon kurz darauf verwandelt sich der Niederschlag in gewohnten Schneematsch. „Ein typischer Winter im Ruhrgebiet halt", sagt die Wetter-Expertin.

Alle aktuellen Infos zur Lage in Winterberg gibt es hier >>>

Über 200 Meter und im Bergland bleibe es liegen. Auch im Sauerland wird Neuschnee erwartet. Am Wochenende ist dann aber Schluss mit Niederschlag. Aktuelle Wetter-Infos zum Schnee-Chaos in NRW am Freitagmorgen gibt es hier >>>

Doch mit dem von der Bundesregierung eingeführten 15 Kilometer Bewegungsradius wird es dann eng, wenn wir Schnee wollen. Wegen Corona müssen wir wohl in diesem Winter verzichten lernen - der Klimawandel hat ebenfalls seinen Beitrag dazu geleistet.

Hoffnung auf Rodeln im Schnee in der Zukunft

Was mir bleibt, ist meine Kindheitserinnerung. Was den Kindern heute bleibt? Die Hoffnung auf die Bekämpfung des Coronavirus' und dann endlich wieder im Schnee rodeln in den höheren Lagen NRWs. Denn dafür brauchen wir die Alpen nicht. Noch haben wir die Wonne-Witterung direkt vor unserer Haustür. Hoffen wir, dass es noch eine Weile so bleibt!