Wieso 250 Meter Schritttempo den Bahn-Fahrplan in NRW durchkreuzen

Blick auf den Essener Hauptbahnhof: In der Einfahrt aus Richtung Mülheim müssen alle Züge bis auf Weiteres Schrittgeschwindigkeit fahren.
Blick auf den Essener Hauptbahnhof: In der Einfahrt aus Richtung Mülheim müssen alle Züge bis auf Weiteres Schrittgeschwindigkeit fahren.
Foto: Daniel Elke / WAZ Fotopool
Der Bergschaden am Essener Hauptbahnhof bringt den Bahn-Fahrplan in NRW kräftig durcheinander. Dabei sind es nur etwa 250 Meter, auf denen Züge in Essen bis auf weiteres Schritttempo fahren. Doch der Bahn sind in mancherlei Hinsicht die Hände gebunden. Und: in Kürze steht der Fahrplanwechsel bevor.

Essen. Das Elbe-Hochwasser, die Personalprobleme am Mainzer Hauptbahnhofund nun ein etwa 170 Jahre alter Bergwerksstollen am Hauptbahnhof Essen: Das Jahr 2013 wird in der Geschichte der Deutschen Bahn einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und bei Bahn-Reisenden erst recht.

"Verzögerungen im Betriebsablauf", "Technische Störung an der Strecke": Der Ende vergangener Woche entdeckte Bergschaden unmittelbar vor dem Essener Hauptbahnhof hat Bahnreisenden in NRW eine neue Phrase in "Bahndeutsch" beschert: "Außerplanmäßige Geschwindigkeitsbeschränkung".

Bahn könnte alle Züge nach wie vor in Essen halten lassen

Auf etwa 250 Metern müssen Züge am Essener Hauptbahnhof bis auf Weiteres Schritttempo fahren - weil etwa 24 Meter unter den Schienen ein alter Bergwerksstollen entdeckt worden ist. Der wird nun mit Beton aufgefüllt, um damit einen potentiellen Tagesbruch zu verhindern. Das Ende der Arbeiten ist offen und dauert wohl bis mindestens zum Jahrsende. Nur 250 Meter Schrittgeschwindigkeits-Zwang verursachen Zugausfälle, Zugumleitungen und Verspätungen im zweistelligen Minutenbereich?

"Wir könnten den gesamten Zugverkehr weiterhin über die Ruhrschiene leiten", sagt dazu ein Bahnsprecher in Düsseldorf. Technisch sei das möglich - wenn die Züge am Essener Hauptbahnhof eben besonders langsam fahren. Für viele Reisende wäre das die bequemste Lösung. Für die Bahn nicht.

Am Essener Hauptbahnhof halten pro Tag etwa 550 Züge. Jede Verspätung wirkt sich tief in das Netz aus, auch über NRW hinaus. Für die Bahn ist das eine Situation, "in der wir auf unsere Ersatzfahrpläne zurückgreifen", sagt der Sprecher. Ab diesem Mittwoch werden einige ICE wieder nach Bochum und Essen geführt. Im Großen und Ganzen aber leitet die Bahn nach wie vor die meisten Fernzüge um. Viel Spielraum hat sie dabei nicht.

Bahnsteige in Essen-Altenessen und in Herne sind zu kurz für ICE 

Auf der Ruhrschiene zwischen Duisburg und Dortmund entzerrt die Bahn seit einer knappen Woche den Verkehr. Der Essener Hauptbahnhof ist "zu einem Nadelör geworden", sagt ein Bahnsprecher. Bliebe alles beim Alten, "würde der Verkehr das Nadelör Essen komplett verstopfen".

Auch die Umleitungsstrecke für IC- und ICE-Züge über Oberhausen und Gelsenkirchen hat ihre Tücken und produziert Verspätungsminuten. Grund: "Die Ruhrschiene ist für Geschwindigkeiten bis Tempo 160 ausgebaut", heißt es bei der Bahn. Auf der Umleitungsstrecke über Gelsenkirchen sind überwiegend 120 Stundenkilometer möglich, in Teilen höchstens 140.

ICE-Züge teilen? "Keine Option"

Bei der Anbindung an die Innenstädte von Essen und Bochum sind der Bahn zudem die Hände gebunden: So sind die Bahnhöfe Herne und Essen-Altenessen, die jetzt verstärkt vom Regionalverkehr angesteuert werden, gut mit der U-Bahn zu erreichen. Doch Fernzüge fahren dort vorbei. "Die Bahnsteige dort sind zu kurz", gesteht man bei der Bahn ein. Sie hätten höchstens Platz für einen einteiligen ICE, "und das auch nur knapp, die Triebköpfe stünden außerhalb der Bahnsteige", sagt ein Bahnsprecher. Die Züge im Ruhrgebiet zu teilen - Reisende kennen das vom Bahnhof Hamm - sei "keine Option", heißt es bei der Bahn. Weil das nicht nur Zeit koste, sondern auch für Verwirrung bei den Reisenden sorge.

Und: Wären die Bahnsteige lang genug, würden die Bahn-Disponenten in der Bahn-Betriebszentrale für NRW in Duisburg die Fernzüge wohl trotzdem ohne Halt durchfahren lassen: "Je Halt würden sich schätzungsweise drei Minuten Verzögerung ergeben", heißt es bei der Bahn - bei vier Stationen auf der Umleitungsstrecke (Herne, Gelsenkirchen, Essen-Altenessen und Oberhausen) also gut und gerne zwölf Minuten pro Zug. Und weil sich Regional- und Fernverkehr die Gleise teilen, kommt dadurch das gesamte System ins Wanken. Das passiert an Rhein und Ruhr ja schon bei einer Oberleitungsstörung.

Auch für Lokführer und Zugpersonal ist der Bergschaden in Essen kein Vergnügen.

Fahrplanwechsel am 16. Dezember sorgt für zusätzliche Probleme 

Umleitungen und Verspätungen produzieren auch bei Lokführern und Zugpersonal zusätzlich Stress, sagt Frank Schmidt, selbst Lokführer und früherer NRW-Chef der Gewerkschaft der Lokführer. "Die Schichtpläne müssen komplett überarbeitet werden". Verspätungen und Zugausfälle "nehmen Planungssicherheit" - und kosten Nerven und Zeit.

Die Belastung sei auch für die Planer umso größer, weil der Bahn am 16. Dezember der alljährliche Fahrplanwechsel bevorsteht - Stichwort: Winterfahrplan. Schmidt: "Dieser Bergwerksstollen in Essen kommt wirklich zur Unzeit". Denn eigentlich hätten die Netzexperten der Bahn AG derzeit "alle Hände voll zu tun, den neuen Fahrplan vorzubereiten".

Güterzugstrecken sind keine Ausweich-Option für den Fernverkehr

Weitere Umleitungsoptionen im Ruhrgebiet sieht man unterdessen bei der Bahn nicht, auch wenn es noch vereinzelt Güterzugstrecken gibt. Dort allerdings sei unter anderem die geringere Taktung der Signalanlagen zu berücksichtigen. Und Tempo machen darf ein ICE auf einer Güterzugstrecke auch nicht. Ergebnis: Personenzüge würden den Güterzugbetrieb mehr stören, als dass solche Ausweichstrecken irgendwo Verspätungen auffangen.

Dass der Bergwerksstollen nun aufgefüllt wird, ist aus Bahnsicht "unabdingbar", sagt ein Sprecher: "Solange wir nichts davon wussten, konnten wir nicht handeln. Jetzt müssen wir es". Einzige offene Option, den Bahnverkehr anderweitig umzuleiten, sei die "Süd-Umfahrung" über Hagen und Wuppertal. Falls an der Ruhrschiene noch weitere alte Bergwerksstollen entdeckt werden. Bei der Bahn will man das nachvollziehbarerweise "nicht hoffen".

 
 

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