Wie zwei Essener vor zehn Jahren den Tsunami überlebten

Geschockt und verzweifelt: Ulf Mayer und Jenny Krapohl am 27. Dezember 2004, nachdem sie die Nacht auf einem Hügel oberhalb des Strandes verbracht hatten.
Geschockt und verzweifelt: Ulf Mayer und Jenny Krapohl am 27. Dezember 2004, nachdem sie die Nacht auf einem Hügel oberhalb des Strandes verbracht hatten.
Foto: Corinna Kuhs
Die Essener Jenny Krapohl und Ulf Mayer überlebten vor zehn Jahren den Tsunami. Beide waren kurz zuvor nach Thailand ausgewandert, um ihren Traum von der eigenen Tauchschule zu leben.

Essen.. Es ist dieses Donnern, das Ulf Mayer nie vergessen wird. „Ein dumpfes, sehr tiefes Rauschen”, sagt der heute 47-Jährige. So beschreibt der Essener das Geräusch, das die gigantische Welle machte, als sie auf den Strand zurollte und sein Leben und das seiner Freundin Jenny Krapohl (heute 40) bedrohte.

An jenem Strand auf der kleinen Insel Koh Racha Yai in der Andamanensee südlich von Phuket betrieb das Paar seit einem dreiviertel Jahr eine Tauchschule. Schon in Essen hatten die Kommunikationswissenschaftlerin und der Werbefachmann nebenberuflich ein Tauchcenter geführt, in Thailand wollten sie ihren Traum vom Leben und Arbeiten im Paradies verwirklichen.

Der Tag, der mit Sonne beginnt und im Chaos endet

Am 26. Dezember 2004, jenem zweiten Weihnachtsfeiertag, der mit Sonne beginnt und im Chaos enden wird, zieht sich das Meer vor Koh Racha Yai am Morgen immer wieder zurück, um ein paar Minuten später zurückzukommen und sich mit jeder Welle ein Stück mehr Land zu erobern. „Das ging etwa acht oder neun Mal so”, erinnert sich Jenny Krapohl, die damals ihre Kamera holt, um die merkwürdigen Pendelbewegungen des Wassers festzuhalten.

Krapohl und Mayer sind gerade dabei, die Tauchbasis für den Tag herzurichten und den ersten Tauchgang vorzubereiten. Dass eine der größten Naturkatastrophen aller Zeiten bevorsteht, die mehr als 230 000 Menschen das Leben kosten wird, ahnen sie nicht. „Von einem Tsunami hatten wir noch nichts gehört”, sagt Krapohl. „Keiner kannte das damals.”

Eine Wasserwand, die sich am Horizont aufbaut

Während sie fasziniert knipst, wie das Meer verschwindet und Boote auf dem Trockenen zurücklässt, sortiert ihr Freund im Tauchcenter mit bereits nassen Füßen die Akten. „Ich habe gesagt: ,Ich packe mal die Sachen nach oben und stelle die Ordner auf einen Schrank, damit sie nicht nass werden’ ”, sagt Mayer. Das Hin und Her des Meeres halten sie für eine vollmondbedingte Springflut, kein Gedanke an Lebensgefahr.

Bis die erste richtig große Welle anrollt: eine Wasserwand, die sich am Horizont aufbaut. „So eine Angst hatte ich noch nie”, sagt Krapohl. Sie schreit nach ihrem Freund, der im Innern der Tauchbasis immer noch Unterlagen umräumt. Er hört die Panik in der Stimme seiner Partnerin; nimmt wahr, dass draußen Chaos ausbricht. Mayer klettert auf einen Anbau hinter dem Tauchcenter. Er sieht das Meer und erkennt: „Das Wasser meint es ernst.” Und dann ist da dieses Donnern.

Barfuß und in Todesangst kraxeln sie den Berg hoch

Mayer springt vom Anbau, das unheimliche Grollen im Ohr. Er hat das Gefühl, dass er nichts anderes hört als dieses Donnern, das über allem hängt, und rennt zusammen mit seiner Freundin, Urlaubern und Hotelangestellten ums Überleben.

Ihr Glück: Die Bucht, in der die Anlage liegt, wird von Hügeln umsäumt. Darauf wollen sie sich retten. Barfuß und in Todesangst kraxeln sie den Berg hoch, irgendwann hört der Weg auf und man klettert durchs Unterholz. Einheimische sind dabei, schlagen den Weg mit Stöcken und Macheten frei. „Als wir oben waren, haben wir uns hingesetzt, weil wir nicht mehr konnten”, sagt Mayer.

„Es sah aus wie nach einem Krieg”

Etwa 30 Menschen hocken mitten im Dschungel, alle haben Angst, und keiner von ihnen kann einordnen, was geschehen ist. Sie sind abgeschnitten, sehen nur einen Teil der Bucht, die nun von einer braun-schlammigen Meersuppe überspült ist, und kommen sich vollkommen alleine vor: „Ich hatte das Gefühl, wir sitzen auf dem letzten Stück Land”, beschreibt Mayer. Die Gruppe bleibt zusammen und wartet. Worauf genau, weiß keiner.

Erst am nächsten Morgen, fast 24 Stunden nach dem Tsunami, wagen sich die Menschen gemeinsam nach unten. Sie sind schockiert, als sie sehen, was die Wellen angerichtet haben: „Es sah aus wie nach einem Krieg”, meint Krapohl. „Von unserem Tauchcenter waren nur noch die Betonmauern da.” Der Kompressor, aus dem gepresste Luft in Tauchflaschen gefüllt wird, ein mehrere hundert Kilo schweres Gerät, liegt weit entfernt von seinem eigentlichen Platz hinter dem Hotel. Es ist einer der wenigen Gegenstände aus der Tauchbasis, die die beiden Auswanderer wiederfinden. Alles andere haben die Wellen zerstört.

Als Taucher hilft Mayer beim Bergen von Toten

Krapohl und Mayer, beide mit Kratzern und blauen Flecken davongekommen, bleiben noch drei Tage auf der Insel, setzen dann aufs Festland über und helfen dort, wo es viele Verletzte und Tote gibt, bei Aufräumarbeiten. Als Mayer aus dem Tauchcenter lief, griff er instinktiv seinen Rucksack, so dass das Paar seine Pässe und Kreditkarten hat.

Die beiden kommen in den ersten Tagen in einem Krankenhauszimmer bei Phuket unter und leben vom Ersparten. Als Taucher hilft Mayer beim Bergen von Toten; selbst anderthalb Jahre nach dem Tsunami findet er unter Wasser noch Leichenteile.

Krapohl bringt sich anders ein. „Leichen bergen – das hätte ich nicht gekonnt”, sagt sie. Stattdessen sammelt sie per Mailaufruf bei ihren Freunden zuhause Geld und spendet dieses an Fischerdörfer, die sie besucht. Mehrere tausend Euro kommen zusammen, weil in Deutschland Plätzchen oder selbstgemalte Bilder verkauft werden.

Die Erinnerungen sind nur mit Abstand auszuhalten

Dort, wo die Touristen waren und wieder hinkommen sollen, gehen die Arbeiten zügig voran. In den Einheimischendörfern nicht. „Da hingen auch nach Wochen noch Leichen in den Bäumen”, erinnert sich Mayer. Er sagt das distanziert; die Erinnerungen sind nur mit Abstand auszuhalten.

Wie hat er das damals geschafft? „Man funktioniert einfach”, erklärt er. Mayer bietet den Hotels irgendwann Erste-Hilfe-Kurse für ihre Angestellten an, bildet schon bald nach dem Tsunami Tauchlehrer aus. Er macht weiter, will unbedingt in Thailand bleiben.

Seine Freundin reagiert anders: „Mich hat das alles sehr aus der Bahn geworfen”, sagt sie. „Das war mir damals aber nicht bewusst.” Ein Jahr lang hält sie noch in Südostasien aus, dann erträgt sie das Land und das damit Verknüpfte nicht länger: „Ich habe Ulf gesagt, dass ich ihn über alles liebe, aber dort nicht mehr leben kann.” Das Paar trennt sich.

Blätter-Rauschen erinnert an Tsunami-Grollen

Er baut eine neue Tauchschule in Thailand auf, sie arbeitet als Coach und Persönlichkeitsberaterin in Essen. 2007 verkauft Mayer die Tauchschule und geht ebenfalls zurück, macht sich selbstständig. Er führt inzwischen in Essen ein Weiterbildungsinstitut und unterrichtet zudem angehende Tauchlehrer.

Das Paar kommt wieder zusammen, sie heiraten und sind mit den drei und sechs Jahre alten Kindern in Kettwig heimisch geworden. Doch der Tsunami hat beide verändert.

Es dauerte zum Beispiel lange, bis Mayer nicht mehr zusammenzuckte, wenn er unter einem Baum saß und die Blätter im Wind rauschten, was ihn an das Tsunami-Grollen erinnerte. Die bedrohliche Erfahrung habe andererseits geholfen, in das jetzige Leben zu finden. „Ich habe eine Stärke gewonnen, die ich jetzt an andere Menschen weitergeben kann”, sagt Krapohl, die ihren Kunden aus Krisen hilft. Mayer sieht das Ganze pragmatischer: „Direkt nach dem Tsunami habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe ein Leben geschenkt bekommen. Das will ich mir selbst nicht mehr kaputt machen.”

Den 26. Dezember feiern sie jedes Jahr – als Geburtstag. In Thailand sind sie nie wieder gewesen.

 
 

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