Wie sich ein Grugabad-Besuch im Burkini anfühlt

Kontraste im Wellenbecken. Linda Heinrichkeit vermisst den Bikini nicht, sagt aber auch: „Trägt man wenige Stunden einen Burkini, hat man keine Vorstellung davon, was es bedeutet, ihn aus Überzeugung zu tragen. Oder aus Zwang.“
Kontraste im Wellenbecken. Linda Heinrichkeit vermisst den Bikini nicht, sagt aber auch: „Trägt man wenige Stunden einen Burkini, hat man keine Vorstellung davon, was es bedeutet, ihn aus Überzeugung zu tragen. Oder aus Zwang.“
Foto: Essen
  • Linda Heinrichkeit ist mit Burkini im Grugabad zwischen lauter Leichtbekleideten Baden gegangen
  • Wegen ihrer Bedenken begleitet sie Owis Kashata, 26, aus Damaskus, dessen Frau kein Kopftuch trägt
  • Rettungsschwimmer: Probleme nur, wenn vollverschleierte Frauen mit Straßenkleidung ins Wasser gehen

Essen. Die ersten Schritte sind zögerlich. Es ist Nachmittag, leicht bewölkt, nicht richtig voll im Essener Grugabad. Nur wenige Augen gucken mich auf diesen ersten Metern an, aber jeder Blick macht mich ein kleines Stück selbstbewusster. Da ist viel Sympathie und Freundlichkeit in den Augen. An meiner Seite ist Owis Kashata. Er ist 26 Jahre alt und kommt aus Damaskus. Vor drei Jahren flüchtete er gemeinsam mit seiner Frau Heba in die Türkei und kam vor einem Jahr nach Deutschland. Sie sind Muslime, seine Frau trägt kein Kopftuch. Und nun ist er mit einer deutschen Frau im Burkini das erste Mal in einem Freibad.

Selbstversuche in Burkinis gingen in den vergangenen Tagen durch viele Medien. Im Grugabad gehört das Kleidungsstück, das muslimischen Frauen die Möglichkeit gibt, sich verschleiert abzukühlen, an heißen Tagen zum Bild dazu. In Essens größtem Freibad treffen jeden Tag unterschiedliche Kulturen aufeinander. Es gibt kaum einen passenderen Ort, das Gefühl zu testen, mit mehr Stoff als man in seiner Freizeit trägt, in ein Schwimmbad zu gehen.

„An vollen Tagen kommen viele Muslima in Burkini zu uns“

Heba hat mir erklärt, dass ich einen Bikini unter dem Burkini tragen solle. Die Leggins ist lang und wird mit einem Gummiband an jedem Fuß gehalten, sodass sie nicht hochrutschen kann. Das langärmelige Oberteil mit Stehkragen hat Fäden, mit denen man es an der Hose befestigen kann – so kann es im Wasser kein Stück Haut freigeben. Den Hidschāb, die Kopfbedeckung, ziehe ich über die Haare wie eine Sturmhaube, bei der das Kinn frei bleibt, aber der Rest des Gesichts eng eingehüllt ist. Owis sagt mir, dass alles sitzt, dass kein Haar hervorguckt.

Die türkischen Jungs im Kinderbecken beachten uns nicht, die Bademeisterin ebensowenig. Eine ältere Frau sieht mich lange an, als ich ihr in die Augen schaue, lächelt sie. „An vollen Tagen kommen viele Muslima in Burkini zu uns“, erzählt Rettungsschwimmer Jan Broscienski. Das sei normal und er habe noch nie Probleme erlebt. Die gebe es nur dann, wenn Frauen sich in vollverschleierter Straßenkleidung ins Wasser begeben. „Manche gehen in Mänteln ins Becken. Das ist gefährlich und unhygienisch.“

„Wir haben so viele wichtigere Probleme“

Trägt man wenige Stunden einen Burkini und legt ihn danach wieder ab wie ein Kostüm, hat man keine Vorstellung davon, was es bedeutet, ihn aus Überzeugung zu tragen. Oder aus Zwang.

Ich erlebe das Gefühl, wenn das Wasser unterhalb des Stoffes langsam an mir hochsteigt und einige Sekunden später den Punkt erreicht, bis zu dem mir das Wasser außerhalb reicht. Ich spüre, wie mich die Kleidung beim Schwimmen leicht nach unten zieht, wie der Hidschāb an meinen Ohren klebt, wenn ich auftauche, und alle Geräusche dumpf werden lässt, bis ich das Polyester-Elasthan-Gemisch von der Haut abziehe. Ich erlebe diese äußeren Eindrücke, aber mein Inneres weiß, dass ich gleich wieder in meine Jeans und meine Pumps steigen werde.

Ich spüre die neugierigen Blicke der deutschen Kleinkinder, die etwas strengen der älteren Damen und die vielleicht irritierten der jungen Araber, ob meiner hellen Haut und blauen Augen. Allerdings könnte ich ja zum Islam konvertierte Deutsche sein. „Sie reden über dich“, sagt mir Owis, kann sie aber nicht richtig verstehen. Er selbst fühlt sich nicht beobachtet. Dass in Deutschland über das Tragen des Burkinis diskutiert wird, ist für den syrischen Flüchtling abstrus. „Mir ist es egal, ob eine Frau verschleiert oder nackt baden geht. Wir haben so viele wichtigere Probleme, über die wir nachdenken sollten.“ Owis begleitet mich ins Grugabad, weil ich Bedenken hatte wegen aggressiver Äußerungen – Ängste, die sich schnell zerstreuen.

„Warum tragen muslimische Frauen hier nicht auch einen Bikini?“

Wir treffen Dario César Cabral. Der Brasilianer macht Urlaub in Essen und war schon oft in Deutschland. „Ich kenne die türkische Kultur hier und für mich ist es normal, eine verschleierte Frau auch im Schwimmbad zu sehen“, sagt der 35-Jährige. Und auch für Karl Huwel aus Duisburg, der mit ihm in der Sonne liegt, „gehört ein Burkini zum Alltag, wenn die Frau ihn freiwillig trägt“. Der 78-jährigen Ilse Rex aus Freisenbruch gefällt der Ganzkörperbadeanzug, „denn es ist furchtbar, wenn die Männer und Kinder immer im Wasser Spaß haben und die Frauen dabei draußen sitzen“. Ihre Freundin Karin Kubi aus Frohnhausen findet den Burkini „schon ein wenig komisch“. Würden wir in ein arabisches Land gehen, mutmaßt sie, würden wir uns auch mit einem Schleier bedecken: „Warum tragen die muslimischen Frauen hier nicht auch einen Bikini?“

Leider ist heute keine andere Frau im Burkini im Grugabad. Für sie wäre er nicht eine Verkleidung für wenige Stunden, sondern ein Teil ihres Lebens. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie ihn trägt, wie sie sich fühlt. Vielleicht ähnlich wohl wie ich.

 
 

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