Wie man die Innenstadt mit dem Rad entdeckt

Bis zum Willy-Brandt-Platz darf  man noch auf dem Rad fahren, auf der Kettwiger nicht mehr: Viele Teile der Fußgängerzone sind für Radler zugelassen.
Bis zum Willy-Brandt-Platz darf man noch auf dem Rad fahren, auf der Kettwiger nicht mehr: Viele Teile der Fußgängerzone sind für Radler zugelassen.
Foto: WAZ FotoPool
  • Vom Willy-Brandt-Platz über den Kennedyplatz bis ins Nordviertel
  • Besonders im Osten des Stadtkerns lohnt sich ein Abstecher in kaum bekannte Ecken
  • Über die Hollestraße geht’s zurück

Essen.. Wer Idylle sucht, sollte am See radeln. Wer sich die Weite des Reviers erstrampeln will, tourt lieber am Rhein-Herne-Kanal entlang. Denn dies hier ist eine Radtour, die so nirgendwo verzeichnet steht. Eine für Stadt-Entdecker, denn der Stadtkern, mit seinem Glanz und seinen Schatten, will abseits der bekannten Attraktionen erst entdeckt werden. Die Kettwiger kennt ja jeder, aber die Straße Alfredi-Quelle?

Fangen wir dort an, wo man entgegen der landläufigen Meinung sehr wohl radeln darf, obwohl er schon zur Fußgängerzone gehört: am Willy-Brandt-Platz, vor Kaufhof. Wir fahren links bei Ansons vorbei, über die Rathenaustraße; sie ist Teil des offiziellen Radwegenetzes wie weite Teile der Strecke, die wir befahren. So lassen wir das Grillo-Theater links liegen und biegen rechts ab in die Straße I. Hagen in Richtung Spitzer-Plastik, das rostige Rund heißt im Volksmund auch „Elefantenklo“, wie auch immer: Rechts ‘rum auf den Kennedyplatz, hier darf man auch radeln, entlang an den Gastro-Betrieben, dann Sport-Scheck, wir überqueren die Limbecker, fahren in der Nord-City die Libanesen-Meile herunter, „I. Weberstraße“ heißt das hier. Dazwischen neu: die „Wiederbrauchbar“, ein Café für Reparaturen, erst ein Jahr vor Ort. Dann baut sich auf in voller Schönheit: die Kreuzeskirche; jahrelang vom Abriss bedroht, längst gerettet. Und wer jetzt rechts rüber schaut, entdeckt eins der neuesten Essener Bauwerke: die städtische Wohnungsgesellschaft Allbau errichtet ihre neue Zentrale, mit Büros und Wohnungen. Sie ist fast fertig.

Wir überqueren die Friedrich-Ebert-Straße, radeln durchs neue Univiertel und gelangen schließlich ins Nordviertel: Die Straße, die nach Norden führt, heißt hier schon Altenessener Straße. Sie ist eine Fahrradstraße, das heißt, Radler und Autofahrer sind gleichberechtigt. Links liegt der RWE-Konzern, rechts sind Straßen, die auf den zweiten Blick viel zu bieten haben: die Beisingstraße zum Beispiel mit ihren prachtvollen Fassaden. Dort kreuzt übrigens die Eltingstraße, das Eltingviertel machte schon bundesweit Schlagzeilen, bevor die Essener es überhaupt entdecken konnten: Tatsächlich soll hier so etwas wie ein Vorzeige-Quartier entstehen; Stuck gibt es längst reichlich. Dies ist wieder so eine Ecke, die in anderen Großstädten längst von dem heimgesucht worden wäre, was man Gentrifizierung nennt: Wohlhabende erobern arme Viertel und machen sie zu teuren Quartieren. Zumindest städtebaulich würde es passen.

Zurück nach Süden: Ein Stück Stoppenberger Straße ist leider unvermeidlich, ehe wir auf die Goldschmidtstraße abbiegen, und wieder bieten sich Abstecher in die unentdeckten Wohnquartiere an, die rechts von uns im Schatten des Rathauses liegen: Immestraße, Alfredi-Quelle, Hofterbergstraße – wenig bekannte Ecken, nicht unbedingt pittoresk, aber auch nicht reizlos, bisweilen mit schönen Plätzen und stolzen Altbaureihen. Genau hier ist der eigentliche Stadtkern, die unentdeckte Mitte sozusagen. Für Architektur-Freunde lohnt jetzt ein Weg, den wir so nicht eingezeichnet haben: An der Söllingstraße liegt ein Verwaltungsgebäude, Baujahr 1921, ein bemerkenswertes Stück Architektur aus blutrotem Klinker, das, fast leer stehend, im Dornröschenschlaf liegt.

30 bis 60 Minuten dauert diese Tour, je nach dem, wie viel Zeit man sich nimmt; über die Holle-straße geht’s zurück, am Edelstahl-Pissoir entlang, das für die Trinkerszene aufgestellt wurde. Doch wir sehen: Sie sind in dreifacher Mannschaftsstärke noch da, die Trinker. Am Willy-Brandt-Platz. Von dem sie eigentlich weg sollten. Puh, Essen, deine Innenstadt: Wer Idylle will, fährt besser am Baldeneysee.

 
 

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