Wie Flüchtlingsheime das Gesicht der Stadt Essen verändern

Essens Sozialdezernent Peter Renzel bei der Besichtigung des Zeltdorfes an der Planckstraße Anfang September 2015. Seit dem Jahr 2013 hat er 22 Bürgerversammlungen und zwei solcher Besichtigungstermine.
Essens Sozialdezernent Peter Renzel bei der Besichtigung des Zeltdorfes an der Planckstraße Anfang September 2015. Seit dem Jahr 2013 hat er 22 Bürgerversammlungen und zwei solcher Besichtigungstermine.
Foto: Funke Foto Services
Die Stadt Essen unternimmt gewaltige Anstrengungen, um alle Asylbewerber unterzubringen. Die viel größere Aufgabe der Integration wird Jahre dauern.

Essen. Es ist genau zwei Jahre und eine Ewigkeit her, da sprach Sozialdezernent Peter Renzel den kühnen Satz: „Plätze in Zelten und Turnhallen wird es nicht mehr geben.“ Das war am 11. September 2013 auf der tumultösen Bürgerversammlung zur geplanten Behelfseinrichtung in der Walter-Pleitgen-Schule in Frintrop. Es war, wie man nun weiß, eine Absichtserklärung, die sich nicht einlösen ließ. Seit einigen Wochen leben Flüchtlinge in Essen wieder in Zelten; und neben mancher Turnhalle wartet schon der Container mit Mobiliar.

Die Stadt und allen voran der Sozialdezernent haben sich lange dagegen gestemmt, doch angesichts der jüngsten Entwicklung mussten sie kapitulieren. „Wir suchen im ganzen Stadtgebiet nach Flächen. Dabei wird es keine Tabus geben“, sagte Renzel schon damals auf der Bürgerversammlung, der inzwischen 21 weitere folgten. Damals war das Format neu, erprobt hatte es Renzel zuvor in Dilldorf, wo man ebenfalls eine Schule zum provisorischen Asylheim umrüstete.

Ratsmitglieder drückten sich vor der Wahl 2014 vor Entscheidungen

Der Unmut der Anwohner war in Dilldorf nicht kleiner als der in Frintrop, doch seither haben sich beide Standorte völlig unterschiedlich entwickelt. Während die Dilldorfer und Kupferdreher bald mit ihrer Hilfsbereitschaft von sich reden machten, gibt es rund um die Walter-Pleitgen-Schule immer wieder Hetze, Pöbeleien, Randale, die das auch dort vorhandene Engagement fast verdecken. Die Stadt hintergehe die Bürger, heißt es immer wieder, schließlich habe man versprochen, die Einrichtung nur als Notbehelf zu nutzen und zügig wieder zu schließen.

Tatsächlich hat es ein solches Versprechen nie gegeben. Den Bürgern wurde jedoch gesagt, dass der Notbehelf nicht von Dauer sein solle – auch weil man ein Schulgebäude nicht für eine optimale Unterkunft hielt. Heute müssen Politik und Stadtgesellschaft erkennen, dass es nicht mehr ums Optimum geht – sondern um Betten. Noch im Frühjahr 2014 drückten sich die Ratsmitglieder um eine Entscheidung über neue Standorte, weil die Kommunalwahl bevorstand und niemand Wähler verprellen mochte. Bloß wurde so der Bau mancher Unterkunft verschleppt. Ein gutes Jahr später – vor der Oberbürgermeisterwahl – braucht kein Politiker mehr zu lavieren: Ordnungsdezernent Christian Kromberg entscheidet jetzt im Alleingang. Um eine drohende Massenobdachlosigkeit von Flüchtlingen abzuwehren, konnte er den Bau von sieben Zeltdörfern beschließen. Erst am Donnerstag gab er bekannt, dass 700 statt 400 Menschen im Mathias-Stinnes-Stadion campieren werden.

Ein Blick auf die Stadtkarte zeigt, wie sich die Lage, wie sich das Stadtbild verändert hat. Als Übergangsheime bezeichnet man die regulären städtischen Unterkünfte für Flüchtlinge. Dazu sind Behelfseinrichtungen wie in Dilldorf gekommen, aber auch „besondere Unterbringungsformen“ wie Hotels und zuletzt die Zeltdörfer, von denen einige noch im Bau sind. Angerechnet auf Essens Quote werden auch alle Bewohner von Landeseinrichtungen wie der im Opti-Park und der bis Jahresende entstehenden auf dem früheren Kutel-Gelände am Overhamshof. Geplant ist, dass Notbehelfe und Zelte mittelfristig durch Regelunterkünfte ersetzt werden sollen – sechs sollen 2016 entstehen.

Echte Willkommenskultur endet nicht bei Luftballons und Kleiderspende

Gleichzeitig werden viele Flüchtlinge die Stadt – und das Land – verlassen müssen. Und jene, denen Asyl gewährt wird, sollen baldmöglichst in Wohnungen umziehen. All das stellt die Verwaltung vor gewaltige Herausforderungen und läuft nicht ohne Reibungsverluste (wir berichteten). Dabei ist die Stadt nicht nur auf die Hilfe von Wohlfahrtsverbänden angewiesen, sondern auch auf die einer Privatfirma wie European Homecare, die an der Flüchtlingsbetreuung verdient.

Noch erleben die Asylheime eine fürsorgliche Belagerung: Die meisten Essener wollen gern helfen. Hier werden Tugenden gezeigt, die wir auch im vergangenen Jahr nach dem Sturmtief Ela sahen: Essen packt an. Bloß wird es diesmal mit einer kurzfristigen Kraftanstrengung nicht getan sein: Die Menschen, die erst nur ein Dach über dem Kopf brauchen, müssen Deutsch lernen, Jobs finden, ihre Kinder brauchen Kitaplätze und Schulen. Darum werden wir die Entwicklung weiter intensiv begleiten. Darum ist zu hoffen, dass auch die Essener ihre neuen Nachbarn weiter engagiert begleiten. Echte Willkommenskultur endet nicht bei Luftballons und Kleiderspende.

Info-Abende und Hotline für Helfer:

Wer Flüchtlingen helfen mag, meldet sich unter: 0201/88-55555 (Mo-Fr, 8-16 Uhr) oder: ehrenamt-fuer-fluechtlinge@essen.de


Die nächsten Info-Abende zu Zeltdörfern: Do., 17. September, 19.30 h, ev. Gemeinde Schonnebeck, Immelmannstr. 12 (zur Bonifaciusstr.) und Mo., 21. September, 19.30 h, Herz- Jesu-Kirche neben Bäuminghausstr. 66 (zur Bamler-/Erbslöhstraße.)

 
 

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