Wie eine Essenerin gegen die Abschiebung ihres Freundes kämpft

Pirkko Gohlke
Christin Borkowski kämpft dafür, dass ihr Freund Saikou Fatty in Deutschland bleiben darf.
Christin Borkowski kämpft dafür, dass ihr Freund Saikou Fatty in Deutschland bleiben darf.
Foto: WAZ FotoPool
Eine Onlinepetition, ein selbst geschriebenes Liebeslied auf Youtube, ständiger Kontakt zu Flüchtlingsvereinen und Behörden: Die junge Essenerin Christin Borkowski kämpft dafür, dass ihr Freund nicht nach Gambia abgeschoben wird. Sie hat Angst, dass er eines Morgens einfach abgeholt wird.

Essen. Warum soll ausgerechnet ihr Freund abgeschoben werden? Diese Frage stellt sich Christin Borkowski immer wieder. Die junge Essenerin kann es einfach nicht verstehen: „Mein Freund, der niemandem etwas tut, der ein fremdes Kind als sein eigenes großzieht, der Deutsch spricht, der arbeiten geht, Steuern zahlt und der niemals kriminell war.“ Die 26-Jährige schüttelt den Kopf.

Sie sitzt in ihrer Wohnung in Altendorf, in der Küche am Tisch, vor ihr ein Becher Kaffee, daneben Briefe der Ausländerbehörde, Gerichtsschreiben, Gutachten, Atteste. Sie müsse stark sein, sagt die Mutter eines fünfjährigen Jungen. Sie kämpft – dafür, dass ihr Freund Saikou Fatty nicht nach Gambia abgeschoben wird.

Christin Borkowski hat sich mit Behörden auseinander gesetzt, Flüchtlingsvereine kontaktiert, eine Onlinepetition gestartet und ein Video auf Youtube veröffentlicht, in dem sie in einem Lied ihre Liebe zu ihm öffentlich macht, damit Behörden und Gerichte ihr glauben.

Von der drohenden Abschiebung hat sie nichts ahnen können

Vor einem Jahr hat sie sich in den 31-jährigen Lagerarbeiter verliebt, über eine Bekannte hatte sie ihn kennengelernt. „Man lernt ja nicht einen Menschen kennen und der sagt, ich habe die und die Probleme“, sagt sie. Von der drohenden Abschiebung hat sie damals nichts ahnen können – und auch nicht von der Ehe, die ihren Freund nach Deutschland verschlagen hatte.

2009 heiratete Saikou Fatty ein Deutsche, im Mai 2010 folgte er ihr in ihre Heimat. Die Beziehung hielt nicht lange. Im Juni 2012 trennten sie sich, im Sommer 2013 reichte er die Scheidung ein. Eine Scheinehe? „Nein“, sagt Christin Borkowski: „Sonst hätte er doch nicht die Scheidung gewollt.“ Um nicht abgeschoben werden zu können, hätte er mindestens drei Jahre verheiratet in Deutschland leben müssen, so die Ausländerbehörde.

Vor sechs Monaten kam der Brief von der Ausländerbehörde, die Aufforderung unmissverständlich: Innerhalb von 30 Tagen muss Saikou Fatty Deutschland verlassen. Seither ist die Duldung immer wieder verlängert worden, zuletzt in der vergangenen Woche bis Ende März.

Onlinepetition hat bereits 19.000 Unterstützer

Doch der Beschluss der Abschiebung ist nur schwer anfechtbar. Längst hat das Oberverwaltungsgericht entschieden und die Abschiebung beschlossen. „Sie haben gesagt, dass wir unsere Beziehung nicht glaubhaft gemacht haben“, sagt Borkowski. Von der Ausländerbehörde der Stadt Essen heißt es dazu: „Dass Frau Borkowski eine Beziehung mit Herrn Fatty hat, wird nicht bezweifelt. Es fehlt aber eine rechtliche Verbindung, das heißt eine Ehe, die für die Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis notwendig ist.“

Ein Ausweg für das junge Paar: Die Härtefallkommission des Landes, die über einen Verbleib in Deutschland entscheiden kann. Hier will Christin Borkowski ihre Onlinepetition vorlegen. Einen Termin dafür gibt es noch nicht. Bislang hat sie über 19.000 Unterschriften gesammelt.

Sie hat Angst, dass er eines Morgens einfach abgeholt wird 

Ob sie Angst vor der Abschiebung hat? „Ja“, sagt sie. „Man hat mir gesagt, dass wir keinen Termin mitgeteilt bekommen. Er wird einfach morgens abgeholt, ohne dass wir die Möglichkeit haben, uns zu verabschieden.“ Sie schluckt. „Saikou hat doch schweres Asthma“, sagt sie und sucht auf dem Tisch nach dem Attest. „Medikamente sind in Gambia unbezahlbar.“

Genau dieses Attest könnte noch eine Hoffnung für die beiden sein. Sie haben es nun bei der Ausländerbehörde eingereicht. Und das Amt sagt auf Nachfrage der Redaktion, dass die Erkrankung ein sogenanntes „zielstaatsbezogenes Abschiebehindernis“ sein könnte. Das müsse aber nun zunächst geprüft werden. „Sollte das Bundesamt hierin ein Abschiebehindernis sehen, dann kann eine Aufenthaltserlaubnis auf diesem sachlichen Grund erteilt werden“, so die Ausländerbehörde. Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

„Wir wollen uns nicht aufgeben, egal was passiert“, sagt Saikou Fatty, während er neben seiner Freundin in der Küche steht. Leiser fährt er fort: „Es ist unglaublich, was sie für mich alles macht.“

„Wir lieben uns. Das lasse ich mir von keiner Behörde verbieten.“

Warum Christin Borkowski das alles auf sich nimmt? Sie lächelt: „Wir lieben uns. Das lasse ich mir von keiner Behörde verbieten. Für mich ist er jemand, der mir mein Leben zurückgegeben hat.“ Die Erfahrungen, die sie zuvor mit Männern gemacht habe – auch mit dem leiblichen Vater ihres Kindes –, seien nicht positiv gewesen. „Natürlich mache ich das auch für meinen Sohn. Saikou ist eine wichtige Person in seinem Leben.“

Sie habe versucht, den Fünfjährigen auf die Abschiebung vorzubereiten. „Dann stand er nachts vor unserem Bett, hat geweint, konnte nicht schlafen.“ Sie schluckt, ihre Augen werden glasig. Aber sie weint nicht. Sie muss ja stark sein, weiter kämpfen.