Wie ein roter Faden

Im ersten Anlauf direkt in die Finalrunde zu kommen, dafür dürfte vor allem Essens ungewöhnliche 200-jährige Transformationsgeschichte maßgeblich gewesen sein: „Wir haben in der Bewerbung den Weg des Strukturwandels schlüssig dargestellt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Kapitel. Wir haben aufgezeigt, dass wir die Stadt nachhaltig ökologisch umgebaut und verändert haben, dass wir dazu neue Wege gegangen sind, die es so in keiner anderen Stadt gibt“, sagte Umweltdezernentin Simone Raskob. Der Ausbau der Grünzonen und des Radwegenetzes seien dafür ebenso beispielhaft wie der Bau neuer Stadtquartiere, sei es das neue Thyssen-Krupp-Quartier, das Uni-Viertel, das Quartier am Niederfeldsee oder der Allbau-Block in der nördlichen City.

„Wir haben aber auch unsere Schwächen nicht verschwiegen, beispielsweise beim Verkehr. Kopenhagen hat mit einem Fahrrad-Anteil von 50 Prozent gepunktet, bei uns liegt der gerade einmal bei fünf Prozent. Aber wir konnten die Jury davon überzeugen, dass wir den Anteil auf elf Prozent steigern wollen.“

Dass letztendlich auch die Wirtschaft von der „Green Economy“ profitiert, sei ebenso in der Bewerbung deutlich geworden. „Hier geht es nicht um weiche Standortfaktoren, sondern um Arbeitsplätze und Geld.“ Essen sei in NRW bereits führend. Jeder fünfte Euro werde in der Europäischen Union künftig in den Klimaschutz investiert, „und uns ist in Brüssel versichert worden, dass wir für alle Förderkonzepte gut aufgestellt sind“.

Nachdem dies alles bereits die Fachjury in Brüssel überzeugt hat, geht es nun darum, am 23. Juni in Kopenhagen die politische Jury zu überzeugen. Sie besteht aus Vertretern der EU-Kommission, des Europäischen Parlaments, des Ausschusses der Regionen, der Europäischen Umweltagentur oder des Convenant of Majors. Ob sie letztendlich Essen bescheinigen werden, nachweislich hohe Umweltstandards erreicht und weitergehende ehrgeizige Ziele formuliert zu haben für den Umweltschutz und eine nachhaltige Stadtentwicklung, wird sich in den jeweils 90-minütigen Bewerbungs-Castings der fünf Finalisten zeigen. OB Reinhard Paß und Umweltdezernentin Simone Raskob werden das Team anführen, das nun zusammengestellt wird, dem Wissenschaftler und Experten ebenso angehören sollen wie PR-Profis. Das allein wird nicht reichen: „Wir werden augenblicklich mit der Lobby-Arbeit in Brüssel beginnen“, sagten Paß und Raskob, „dazu werden wir alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle ausnutzen“. Es sei nun mal damit zu rechnen, dass auch die anderen Finalisten auf dieser Harfe spielen werden.

Der Essener Bürger indes darf sich im Falle eines Sieges in der Finalrunde auf ein Programm 2016 freuen, das in seinen Dimensionen wohl am ehesten mit dem Kulturhauptstadtjahr vergleichbar sein wird. Auch wenn Simone Raskob nur „ein paar Ideen“ formulierte, lassen diese aufhorchen: „Wie wäre es, die A 42 an einem Wochenende in eine Parkautobahn zu verwandeln, nur freigegeben für Radfahrer und Fußgänger, ähnlich wie 2010 bei der A 40.“ Spätestens 2016 sollten die Essener auch wieder im Baldeneysee baden können: „Wir wollen den Essenern den Fluss und den See zurückgeben. Was in München an der Isar möglich ist, muss auch hier möglich sein.“ Und, ein weiteres Projekt das der Umweltdezernentin am Herzen liegt: „Die zweite Stadt auf Zeche Zollverein soll endlich entstehen. Sie ist 2010 nicht an den Finanzen gescheitert, die 7,5 Millionen Euro für die publikumswirksame Erschließung des Schachtes lagen vor. Es hat damals an den Personen gelegen.“ Hier kurz vor dem Auslaufen des Bergbaus den Menschen die Folgen und den Wandel zu erklären, die Grubenwasser-Haltung, die Energiegewinnung, „damit würde ein Traum des Ruhrmuseums in Erfüllung gehen“.

Doch auch für den Klimaschutz strebt die Umweltdezernentin nach neuen Zielen: „Wir brauchen eine aufsuchende Energieberatung, die zu den Menschen geht und sie mitnimmt.“

Wie sehr hier Essen beim Wandel zum umweltfreundlichen städtischen Leben sei, sagte OB Reinhard Paß, habe der Besuch aus China gezeigt: „Die Städte dort suchen Kooperationspartner, und da ist Essen international anerkannt und nachgefragt, um zu zeigen, wie Umweltmanagement in einer Metropole betrieben wird.“

Davon könnten sie sich gerne auch wieder 2016 überzeugen. Aber davor steht noch der 23. Juni. In Kopenhagen gilt’s.

 
 

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