Wie ein Rollstuhlfahrer in Essen Hindernisse überwindet

Harald vom Orde in seinem eigens für ihn umgebauten Auto. Es ist nicht schnell, aber es verschafft Unabhängigkeit.
Harald vom Orde in seinem eigens für ihn umgebauten Auto. Es ist nicht schnell, aber es verschafft Unabhängigkeit.
Foto: Julia Ruhs
Harald vom Orde ist seit seiner Geburt querschnittsgelähmt. Wille, Technik und das Gleichstellungsgesetz verschaffen ihm Selbstständigkeit.

Essen. Mit Schwung rollt Harald vom Orde aus der Eingangstür seiner Wohnung in Essen-Kray. Die Räder seines Rollstuhls passieren die Türschwelle. Die kleine Unebenheit zwischen Gang und Wohnungsflur lässt das Gefährt ruckeln. Der 56-Jährige verpasst der Tür einen Stoß, hält die linke Hand ausgestreckt, bis die Klinke der Tür direkt in seine Hand fällt. Hinzuschauen braucht er nicht mehr. Er schließt zu – das Schlüsselloch auf Kopfhöhe. Er nimmt den Hinterausgang, dort, wo die Rampe angebracht ist. Vorbei an mehreren Fahrrädern, die an der Hauswand lehnen, rollt er hinunter in den Innenhof.

Sechs Jahre „hat mich mein Vater immer getragen“

Als Harald vom Orde auf die Welt kommt, ist er querschnittsgelähmt. Seinen Oberkörper und seine Arme kann er bewegen, nur die Beine sind von Anfang an taub. Mit sechs Jahren bekommt er seinen ersten Rollstuhl. „Davor hat mich mein Vater immer getragen“, erzählt er, lacht und macht mit einer Handbewegung nach, wie dieser ihn unter seinen Arm geklemmt hat.

Als er klein war, war er neidisch auf die Gleichaltrigen, die rennen und toben konnten, wie es ihnen beliebte. „Mittlerweile bin ich darüber hinweg“, meint vom Orde und winkt ab. Als Kind ging er auf eine „Schule für Körperbehinderte“ in Altenessen und machte später in einer barrierefreien Einrichtung eine kaufmännische Ausbildung. Jetzt arbeitet er mehrere Stunden pro Woche im Büro einer Dachdeckerfirma.

Vom Orde rollt auf die Straße, zeigt auf ein Auto. „Mein Wagen wurde extra für mich umgebaut, damit ich es mit den Händen steuern kann.“

Höchstens 25 Stundenkilometer kann er damit fahren, für Schnellstraßen und Autobahnen natürlich ungeeignet, doch ein großer Schritt Richtung Selbständigkeit ist es allemal. In Bahn und Bus wäre er ständig auf einen Begleiter angewiesen.

Hände und Arme sind im Dauereinsatz

Seit seiner Kindheit lebt vom Orde in seinem Elternhaus in Kray. Ein Stockwerk über ihm lebt seine Schwester, die ihm bei Problemen hilft und die auch mal für ihn mitkocht. „Ich versuche aber stets, möglichst wenig auf andere angewiesen zu sein“, sagt er.

Wenn er trotzdem Hilfe braucht, bekommt er diese meist. „Die Leute sind offener als früher“, findet er. „Sie gehen an niemandem mehr vorbei, der zum dritten Mal versucht, den Bordstein hochzukommen.“

Auch wenn seine Beine starr in seinem Rollstuhl ruhen – seine Hände benutzt er dafür umso mehr. Die Arme sind im Dauereinsatz, mal zum Reden, mal zum Schieben der Räder, mal um die Schräge der Bordsteine auszugleichen.

Er beschleunigt und bremst mit ihnen. Ein Fußgänger hat Mühe mitzuhalten. Jede kleinste Unebenheit spürt vom Orde unter den dünnen Reifen, und so mancher Gullideckel könnte zur Falle werden und ihn auf einen Schlag das Fliegen lehren, scherzt er.

Theke im Supermarkt – ein Hindernis für Rollstuhlfahrer

Vom Orde steuert auf den Supermarkt in der Nähe seines Hauses zu. Die automatischen Glastüren öffnen sich, er schlängelt sich im Zickzack durch die Regalgänge, die gerade groß genug sind, dass er hindurchpasst. „Da würde ich nie durchfahren“, sagt er plötzlich und deutet auf einen Gang, an dessem Rand eine Aktionstheke platziert wurde. Der Korridor ist nur noch halb so breit – für einen Fußgänger noch gut passierbar, für einen Rollstuhl ein heikles Hindernis.

Es hat sich aber so einiges zum Besseren geändert, meint vom Orde. Heute gebe es breitere Kassen für Rollstuhlfahrer und auch die automatischen Türen erleichtern ihm den Alltag. Gut erinnert er sich noch an die zahlreichen Tante-Emma-Läden, an deren Eingängen ihm oftmals mehrere Stufen den Weg versperrten. „Da hab ich früher laut gerufen, bis das Personal auf mich aufmerksam wurde“, erinnert er sich.

Behindertengleichstellungsgesetz hat viel verändert

Als im Jahr 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft trat, hat dies sein Leben ein Stück weit verändert. Ihm fiel auf, dass plötzlich weniger Stufen seinen Weg versperrten. Dass auf einmal Bordsteinkanten abgesenkt wurden. „Früher war ja alles fausthoch“, erzählt er und kann es fast nicht mehr glauben wieviel schwieriger früher alles war.

Trotzdem muss er immer noch mit offenen Augen durch die Welt fahren. Viele Bordsteinkanten seien zwar nun flach, jedoch fehle dafür oft auf der gegenüberliegenden Seite die Absenkung und man müsse fünfzehn Meter nach rechts oder links zur nächsten Einfahrt ausweichen.

Auch wenn diese kleinen Baufehler für ihn große Hindernisse darstellen, ist er zufrieden mit der Entwicklung der Barrierefreiheit. „Das Leben ist einfacher geworden. Schließlich müssen auch Mütter mit Kinderwägen und alte Leute mit Gehhilfen überall hinkommen. Das Thema ist ja nicht in fünf Jahren vom Tisch“, meint er schulterzuckend und biegt wieder in den Innenhof seines Hauses ein.

Die Reifen rollen zügig über den Boden. Er schließt das Tor wieder ab, nimmt Anlauf und fährt hoch auf die Rampe – kraftvoll und kaum zu bremsen.

 
 

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