Wie ein Essener Tischtennis-Talent den Krebs besiegte

Den Krebs besiegt: Phil Katschinski mit seinen Eltern Anette und Bernd und seinem Bruder Tom.
Den Krebs besiegt: Phil Katschinski mit seinen Eltern Anette und Bernd und seinem Bruder Tom.
Foto: Funke Foto Services
Phil Katschinski (17) kämpfte zwei Jahre lang gegen den Krebs und seine Folgen – und steht nun im Viertelfinale zur Westdeutschen Mannschaftsmeisterschaft.

Essen-Haarzopf.. Die 1. Jungen des Tusem Essen kämpft um die Qualifikation zur Westdeutschen Mannschaftsmeisterschaft im Tischtennis. Die Chancen stehen nicht einmal schlecht, im Viertelfinale am Samstag den TTF Bönen zu schlagen. Für den 17-jährigen Phil Katschinski ist es die letzte Chance, Westdeutscher Meister zu werden. Es wäre die Qualifikation zur Deutsche Mannschaftsmeisterschaft Mitte Juni im bayrischen Dillingen – ein Traum für das Tischtennis-Talent aus Haarzopf am Ende seiner Jugendkarriere.

Doch was heißt das schon. Dass er überhaupt noch Tischtennis spielen kann, im Viertelfinale steht, dieses Glück kann er manchmal immer noch nicht fassen. Denn es ist gerade einmal zwei Jahre her, als ihm ein Arzt im Uni-Klinikum schonungslos eröffnete: „Junge, du hast Krebs.“ Morbus Hodgkin – Lymphdrüsenkrebs.

„Das war wie ein Schlag. Wir hatten keinen Boden mehr.“

Das war ein Tag vor dem Weihnachtsfest 2013, zwei Tage nach Phils 15. Geburtstag. Die Familie war dabei, die letzten Einkäufe zu stemmen, die Tanne lag noch ungeschmückt auf dem Balkon. Phil war schon seit Tagen unerklärlich müde, fühlte sich matt und kraftlos, verlor an Körpergewicht. Seinen Eltern, Anette und Bernd Katschinski, kam das verdächtig vor, sie wandten sich an die Kinderärztin. „Wir dachten erst, gut, das ist nur eine Blutuntersuchung, und dann können wir endlich die Einkäufe erledigen“, erinnert sich Anette Katschinski. Doch es kam anders: Besorgt eröffnete ihnen die Kinderärztin ihren Verdacht, und dass Phil sofort im Uni-Klinikum intensiv untersucht werden müsse. Als der Arzt dort ihnen sieben Stunden später die schlimme Diagnose bestätigte, „da war das wie ein Schlag. Wir hatten keinen Boden mehr.“

An ein normales Leben war fortan nicht mehr zu denken, die Tischtennis-Karriere endete erst einmal abrupt, ebenso die schulische Ausbildung am Gymnasium Heißen. Phil Katschinski lernte dafür den Alltag auf der Onkologie kennen, den Rhythmus einer großen Uni-Klinik, die Folgen der Chemotherapie, den Haarausfall, die schwindenden Kräfte, die Müdigkeit.

Monate später kam die Bestrahlung, mit anderen Nebenwirkungen. „Ehrlich gesagt, viele Tage habe ich nicht mehr in Erinnerung“, erzählt Phil. „Alles wurde so normal, die Behandlungen, die Untersuchungen, das Krankenhaus, dies alles wurde Teil meines Lebens.“ Angst? „Nachts im Bett kamen manchmal die Gedanken.“ Aber dass der Krebs siegen und er sein Leben verlieren könnte, „diesen Gedanken habe ich einfach nicht zugelassen. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen.“

Familie und Freunde als große Stützen

Das Kämpfen hat er im Sport gelernt: Ein Spiel ist erst nach dem letzten Ball verloren. Mit dieser Einstellung, mit Fleiß, Training und Beharrlichkeit, hatte es der Haarzopfer vom schmächtigen, neunjährigen C-Schüler bis in die Verbandsliga-Mannschaft der Jungen geschafft. Und natürlich war Phil nicht alleine: „Meine Familie, meine Freunde, mein Tischtennis – das waren und sind meine Stützen“, sagt er. „Sie haben nicht zugelassen, dass der Krebs meinen Alltag bestimmte.“

Zum Beispiel sein Bruder Tom, der Fußballer in der Tischtennis-Familie, der ihn zu allen RWE-Heimspielen mitnahm. Zum Beispiel seine Mannschaftskollegen vom Tusem, die ihn zu allen Spielen abholten, damit er sich weiter als Teil des Teams fühlt. Zum Beispiel seine Freunde, die ihm in der Schule halfen. „Am Gymnasium Heißen haben mich alle unterstützt, ich konnte zum Unterricht kommen, wenn ich mich gut fühlte, und nach Hause gehen, wenn es mir schlecht ging. Die ganze Schule hat mich durch das Schuljahr getragen.“ Am Ende war im Sommer sogar die Versetzung möglich, „mit einem Notenschnitt von 2,0“.

Und natürlich war da stets der Hunger, der ihn antrieb, endlich wieder einen Schläger in die Hand nehmen, endlich wieder spielen zu können. Es dauerte bis zum Herbst, bis das Signal von den Ärzten kam: „Du kannst wieder mit dem Sport anfangen.“ Natürlich war das nicht einfach, mit den Folgen von Chemo und Bestrahlung hat der 17-Jährige nach wie vor zu kämpfen: Vor einigen Monaten streikte der Rücken, davor quälte ihn eine Nagelbettentzündung. „Und natürlich fehlten Kraft und Kondition. Ich war nach einem Satz völlig ausgepumpt.“

Der Traum vom Titel

Phil Katschinski gilt heute als geheilt und muss nur noch alle drei Monate zur Untersuchung. Nächstes Jahr, nach dem Abitur, möchte er Lehramt studieren, seinen nächsten Trainerschein machen, die jungen Spieler auf die Saison vorbereiten. Im Augenblick trainiert er wieder, im Viertelfinale gegen Bönen möchte er den Sieg holen, zur Westdeutschen fahren, vielleicht sogar zur Deutschen Meisterschaft.

Der Krebs, das ist heute nur noch ein böser Traum.

 
 

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