Wie der Essener Dom einst neu aufgebaut wurde

Der Essener Dom vereinigt verschiedene Baustile. Im gotischen Teil hinterließen zwei Baumeister ihre Handschrift.
Der Essener Dom vereinigt verschiedene Baustile. Im gotischen Teil hinterließen zwei Baumeister ihre Handschrift.
Foto: Essen
Im 13. Jahrhundert zerstörte ein Brand große Teil des Kirchbaus. Zwei Baumeister waren am Wiederaufbau im gotischen Stil beteiligt. Ihre Handschrift ist unverkennbar.

Essen.. Was auch immer den Brand ausgelöst haben mag — die Folgen waren verheerend. Die Flammen fanden leichte Nahrung, fraßen sich durch die hölzerne Decke und brachten diese letztlich zum Einsturz. Auch die schweren Außenmauern des Mittelschiffs wurden so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass kaum ein Stein auf dem anderen blieb. Weite Teile der Domkirche lagen buchstäblich in Schutt und Asche.

Wann genau sich die Katastrophe ereignete, ist unklar, berichtet Dombaumeister Ralf Meyers. Historische Quellen datieren den folgenschweren Brand auf das Jahr 1265. Andere Quellen sprechen von einem Baubeginn im Jahr 1275, was kein Widerspruch sein muss. Fest steht: 1316 wurde der gotische Teil der Domkirche fertiggestellt, am 8. Juli des Jahres wurde der Neubau geweiht. Grund genug für das Bistum „Essens starke Mitte“ mit einem Veranstaltungsreigen zu feiern und auf 700 Jahre Domgeschichte zurückzublicken.

Westbau aus ottonischer Zeit

Dom? Streng genommen handelt es sich, da Bischofssitz, um eine Kathedrale. Nur wirkt diese im Vergleich mit imposanten Bauwerken wie dem Kölner Dom oder Notre Dame de Paris sehr bescheiden, ja irgendwie gedrungen. Dafür gibt es Gründe: Der Westbau aus ottonischer Zeit hatte die Katastrophe weitgehend unbeschadet überstanden, angelehnt an den Aachener Dom und architektonisch verfeinert symbolisierte der trutzburgartige Bau kaiserlichen Schutz. Darauf wollte die seinerzeit herrschende Äbtissin Berta von Arnsberg nicht verzichten, auch nicht symbolisch. „Es ging um den sichtbaren Erhalt des Machtanspruchs“, erläutert Dombaumeister Ralf Meyers. Vor allem gegenüber dem Erzbistum Köln, von wo aus die Kirchenfürsten das Damenstift mit Argwohn betrachteten und der Erzbischof seine Hand nur zu gerne nach Essen ausstreckte. So integrierte der mit dem Wiederaufbau betraute Baumeister Martin den ottonischen „Altbau“ in sein gotisches Werk, das ein anderer vollenden sollte.

Vier Jahrzehnte zogen sich die Arbeiten hin. Wie es damals am Dom ausgesehen haben muss, hat Romanautor Ken Follet in seinem Bestseller „Die Säulen der Erde“ beschrieben. Es war wohl ein buntes Treiben auf der Baustelle, wo Steinmetze, Schmiede und Zimmerleute mit ihren Familien lebten. Baumeister Martin ließ zunächst auf der Krypta – auch sie stammt aus ottonischer Zeit – den neuen Chorraum mit seinen kunstvoll verzierten Säulenkapitellen erbauen, geschlagen aus einem einzigen Stück Stein, die den Betrachter staunen lassen. Keine Zweifel: Die Steinmetze waren wahre Meister ihrer Zunft. Laut Dombaumeister Ralf Meyers sind es herausragende Beispiele rheinischer Gotik. Auf einem Schlussstein des Gewölbes verewigte Martin sich selbst, den Stein ziert ein Abbild des Baumeisters und dessen Siegel.

Zweiter, unbekannter Baumeister

Warum aber nahm ab 1305 ein anderer Martins Platz ein? War es zum Streit mit der Bauherrin gekommen? Ging es ums Geld? „Wir wünschten uns mehr Quellen und können nur spekulieren“, sagt Ralf Meyers. Fest steht: Martin hatte aufwendig bauen lassen, nicht zuletzt auf Wunsch der Äbtissin. So mussten die tragenden Säulen neu gegründet werden, tiefer als das Jahrhunderte alte Fundament. Der Bau war noch längst nicht fertig, als ein neuer Baumeister übernahm und dürfte bereits ein Heidengeld verschlungen haben.

Martins Nachfolger vollendete den Kirchbau. Sein Name ist nicht bekannt, seine Handschrift aber ist unverkennbar. Dombaumeister Ralf Meyers spricht von westfälischer Gotik. Der Unterschied zu Martins rheinischem Stil ist selbst für Laien nicht zu übersehen. Es fehlen die feinen Ziselierungen, es fehlt das Verspielte, das Opulente. Stattdessen hat nüchterne Sachlichkeit Einzug gehalten ins Kirchenschiff. Elf Jahre benötigte Martins Nachfolger noch, dann war das Werk beendet. So ist der Dom ein Zeugnis verschiedener Epochen und Stilrichtungen. „Jede hat ihre Berechtigung“, schließt der amtierende Baumeister.

Als Altfried das Damenstift gründete

Die Geschichte des Doms am Burgplatz reicht bekanntlich viel weiter zurück als 700 Jahre. Schon um das Jahr 850 gründete der sächsische Altfried, Bischof von Hildesheim, auf seinem Gut namens Astnidi eine religiöse Gemeinschaft für Mädchen und Frauen des sächsischen Adels und legt damit den Grundstein für das Stift Essen. Bereits seit 835 gab es auf dem Gut des Altfried eine Kapelle, erst 1817 wurde diese abgerissen.

Die erste Kirche des Damenstiftes wurde um 850 bis 870 errichtet und den Heiligen Cosmas und Damian sowie der Gottesmutter Maria geweiht. Nach einem Brand im Jahr 946 wurd die Kirche notdürftig repariert und um eine Krypta erweitert. Um das Jahr 1000 beauftragte Äbtissin Mathilde (sie amtierte von 971 – 1011) einen Neubau der Kirche. Der Westbau mit dem achteckigen Turm ist bis heute Bestandteil des Doms. Äbtissin Theophanu (1031 – 1058) ließ den Kirchbau vollenden. 1265 wurde dieser abermals durch einen Brand größtenteils zerstört.

Im Bombenkrieg größtenteils zerstört

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Dom durch Bombenangriffe erheblich beschädigt. Bereits während des ersten größeren Bombenangriffs auf Essen am 9. Januar 1943 zerstörte eine Luftmine den Chorbereich. Verheerender war ein Angriff der Royal Air Force in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1943. Nach weiteren Angriffen im Verlaufe des Krieges blieben lediglich die ältesten Teile, der Westbau und die Krypta, weitgehend verschont. Die bedeutendsten Kunstschätze waren glücklicherweise rechtzeitig ausgelagert worden.

1946 gab die Gründung des Münsterbauvereins den Anstoß für den Wiederaufbau. Im Mai 1957 hatte die gotische Hallenkirchen schließlich ihre ursprüngliche Gestalt wieder erhalten.

Ralf Meyers: Vom Domsingknaben zum Dombaumeister

Ralf Meyers ist ein „Essener Junge“. Den Dom kennt der 51-Jährige schon aus Jugendzeiten, als er den Domsingknaben angehörte. Von der Architektur her bestens vertraut ist Meyers der imposante Bau spätestens seit 1991; nach seinem Architekturstudium fing Ralf Meyers beim Bistum Essen an und blieb. Seit 2007 darf er sich Dombaumeister nennen.

Anders als zum Beispiel im Bistum Köln, wo der Dombaumeister gewählt wird, wird man in Essen zum Dombaumeister ernannt. Nicht nur das unterscheidet Meyers von seinem Kollegen am Rhein. Während dem Kölner Dombaumeister eine „Dombauhütte“ mit Dutzenden von Handwerkern untersteht, ist Ralf Meyers in Essen quasi auf sich allein gestellt. Hier ist er nicht nur für die bauliche Unterhaltung des Doms zuständig, sondern für alle Bauten im Besitz des Bistums, für Schulen, Gemeindehäuser. . .

Über die Architekturgeschichte des Essener Doms weiß Meyers spannend und anschaulich zu berichten. Als Architekt konnte er sich dort auch selbst verewigen und zwar bei der Gestaltung des Domplatzes und des Eingangsgebäudes zur Schatzkammer – beides sehr gelungen, darf man wohl sagen.

 
 

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