Wie der Essener Baldeneysee wurde, was er ist

Sommer im See: Strandbad Baldeney um 1920
Sommer im See: Strandbad Baldeney um 1920
Foto: Stadt Essen
Der Baldeneysee gilt unter den Ruhr-Seen als der schönste, war aber Produkt eines brutalen Umbaus des Ruhrtals, der heute undenkbar wäre. Ein Fotobuch zeigt, wie die Essener das Wasserwirtschafts-Bauwerk schließlich in ihr Herz schlossen.

Essen. Ob es diesen See gäbe, wenn damals schon eine machtvolle Öko-Bewegung mit Grünen, BUND und „Runder Umwelttisch“ aktiv gewesen wäre? Selbst 1933, und das will was heißen, vermerkt eine Broschüre der „Verkehrsgesellschaft Baldeneysee“ folgendes: „Die alten Essener Bürger empfanden zum Teil diesen Einbruch in das liebliche Ruhrtal als Gewalt: Bäume wurden abgerissen, Häuser verschwanden im Wasser, Dämme wurden aufgeworfen, Traktoren schafften Steine heran.“

So war es. Der Bau des Baldeneysees brachte eine Landschaftsveränderung von einer Brutalität, wie sie heute nicht mal in Ansätzen durchsetzbar wäre. Weil das Projekt aber gut geplant war und die Natur die Neigung hat, Wunden rasch gnädig zuzudecken, ist der See längst so etwas wie des Esseners liebstes Kind. Ein neues Fotobuch, das viele, teils noch nie gezeigte historische Bilder zusammenträgt, dokumentiert, wie die „Inbesitznahme der neuen Landschaft durch die Essener Bevölkerung“ geschah. Und es war wirklich genau dies: eine neue Landschaft.

Am Ursprung des ab 1929 gebauten Baldeneysees stand allerdings nicht der Freizeitspaß der Bürger, sondern die zunehmende Schwierigkeit der Wasserwirtschaft, die wachsende Bevölkerung und die Industrie an der Ruhr mit halbwegs sauberem Trinkwasser zu versorgen. Durch eine Kette von Stauseen wollte der Ruhrverband einerseits für trockene Zeiten vorsorgen, andererseits dienten die Seen auch als riesige Abklingbecken, an deren Grund sich die Schmutzpartikel der Ruhr ablagerten. Und schließlich war der Bau des Baldeneysee auch eine jener großen Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen, mit denen die Weimarer Republik versuchte, das Heer von Arbeitslosen zu beschäftigen.

Zeitweise waren 2600 Arbeiter mit Ausschachtungen und dem Bau von Dämmen beschäftigt, und um möglichst viele Job-Effekte zu erzielen, wurde sogar teils bewusst auf den Einsatz von Maschinen verzichtet. Die Unversehrtheit der Natur spielte bei all dem selbstredend keine Rolle.

Obwohl die Ruhr inzwischen dank moderner Kläranlagen ungleich sauberer geworden ist, können nach sehr starken Regenfällen immer noch ungeklärte Abwässer in den See gelangen. Ein Grund, weshalb das Schwimmen offiziell verboten ist, was derzeit auf dem Prüfstand steht. Ergebnisse werden im nächsten Jahr erwartet.

Entgegen einer beliebten Legende, war der Essener Süden bis in die 1960er Jahre eine Industrielandschaft und geradezu übersät von kleinen und mittleren Zechen. Selbst Jüngere können sich aber meist nur noch schemenhaft an die Zeche Carl Funke erinnern, die bis Mitte der 1980er Jahre mit ihren mächtigen Übertagebauten das Heisinger Ufer beherrschte und von der heute der Förderturm und einige kleine Nebengebäude als Relikte erhalten sind. Und wer weiß noch, dass große Teile der vordersten Seefront den Güterzügen vorbehalten waren, während Spaziergänger sich mit den hoch gelegenen Wegen begnügen mussten.

So sind die im Buch versammelten Aufnahmen nicht nur eine reizvolle Zeitreise ü ber den Wandel von Freizeitgewohnheiten. Sie zeigen auch, wie die Gegend immer grüner wurde, sodass der See heute fast so eingewachsen wirkt, als wäre er schon immer da gewesen. Das spricht für die Sorgfalt der Planer, denen Essen eigentlich ein Denkmal bauen müsste. Nur wer genau hinsieht, entdeckt noch Dämme, bahn-typische Stützmauern und Bootshäuser, die manchmal wie reingequetscht wirken und sich anfangs den Bedürfnissen der allmächtigen Bahn unterzuordnen hatten.

 
 

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