Wie das fliegende Fräulein Thea Rasche lebte

Erwin Weierstahl und sein bester Freund Hans Hendricks sortieren alte Fotos sowie Presseartikel von und über Thea Rasche.
Erwin Weierstahl und sein bester Freund Hans Hendricks sortieren alte Fotos sowie Presseartikel von und über Thea Rasche.
Foto: WAZ FotoPool
Thea Rasche gehörte in den 20er und 30er Jahren zu den bekanntesten Piloten weltweit. Erwin Weierstahl verwaltet ihren Nachlass und findet, dass Rasches Chronik teilsweise umgeschrieben werden müsste. Denn, so Weierstahl, was im Internet über die Essener Kunstfliegerin geschrieben stehe, stimme nicht immer.

Essen.. Sie war so etwas wie ein Superstar ihrer Zeit und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens dennoch in bitterer Armut. Thea Rasche, auch bekannt als das „Flying Fräulein“, war Deutschlands erste Kunstfliegerin und eine der international angesehensten Fliegerinnen des 20. Jahrhunderts. Vor 43 Jahren starb die selbstbewusste Essenerin, die nach dem Krieg angeblich das Haus ihrer vermögenden Eltern bewohnte. So behauptet es zumindest das Online-Lexikon Wikipedia.

„Was da im Internet steht, stimmt aber nicht“, beklagt Erwin Weierstahl, der gewissermaßen zu ihrem inoffiziellen Nachlassverwalter geworden ist. „Thea Rasche hat in Rüttenscheid auf der Veronikastraße gewohnt und von der Wohlfahrt gelebt. Die hatte da gar keine Eltern mehr!“ Der heute 89-jährige Weierstahl sollte es wissen, denn 1952 mietete er sich eher zufällig ein Zimmer im Haus von Rasches Schwester. Die bat ihn, der verarmten Fliegerin „ein paar Butterbrote zu bringen“, was der spätere Studiendirektor fortan auch fast 20 Jahre lang tat.

„Anfangs war sie recht unfreundlich zu mir"

Während des Krieges war der junge Weierstahl selbst Pilot und kannte das „Fräulein“ bereits seit seiner Kindheit. Damals wie heute, so Weierstahl, erfüllt es ihn mit Stolz, eine solche Persönlichkeit kennengelernt zu haben. Dabei gestaltete sich die „Beziehung“ zunächst schwierig: „Anfangs war sie recht unfreundlich zu mir. Die Tür ging nur einen ganz kleinen Spalt auf, ich konnte ihr Gesicht kaum sehen“, berichtet der überaus rüstige Weierstahl. „Dann nahm sie mir den Beutel aus der Hand und gleich darauf war die Tür auch schon wieder zu.“

Auch später, als sich die Beiden anfreundeten und gemeinsam von der Fliegerei schwärmten, musste Weierstahl darauf achten, bloß nicht zu laut zu reden. „Ich werde abgehört“, zischte Rasche dann sehr direkt, die im Alter zunehmend misstrauisch wurde. Zu einem gemeinsamen Foto kam es deshalb nie. „Frau Rasche hätte mich wahrscheinlich rausgeworfen, wenn ich ihr mit der Idee gekommen wäre“, berichtet Weierstahl.

Über 4000 Fotos, Briefe und Aufzeichnungen

Selbst nach jahrelanger Freundschaft blieben die zwei Piloten beim distanzierten „Sie“. Lediglich einige Weihnachtskarten erinnern heute noch an die gemeinsame Zeit. An Material über Rasche selbst mangelt es dagegen keineswegs. Nach ihrem Tod übernahm Weierstahl sämtliche Unterlagen, darunter Bücher, Briefe und insgesamt rund 4000 Fotos. Einige Dokumente sind bislang öffentlich nicht bekannt. Nicht nur im Hinblick auf Rasches Wohnung, auch in anderen Bereichen müsste so mancher Lexikoneintrag nachgebessert werden, findet Weierstahl.

In seinem Wohnzimmer hat der Multi-Instrumentalist, Ungarn-Experte und Fotografenmeister „eine kleine Auswahl“ der Dokumente ausgebreitet. An der Wand hängt ein kleines Stück von Weierstahls eigenem Flugzeug, mit dem er während des Krieges abgeschossen wurde. Den Großteil der Aufzeichnungen könnte man womöglich für viel Geld an einen Sammler verkaufen, aber das will Weierstahl überhaupt nicht.

Stadtgeschichte „Ich möchte nur, dass die Sachen in gute Hände kommen“, sagt der Pensionär, der bereits einen Teil der Unterlagen verschenkt hat. Das Essener Stadtarchiv interessierte sich vor einiger Zeit für die Dokumente. Und auch das Berliner Verkehrsmuseum wollte die Sammlung übernehmen und Weierstahls Freund Hans Hendricks dafür mit einer kostenlosen Eintrittskarte abspeisen. Weierstahl und seine Frau lehnten damals ab, weil sie sich vorgenommen hatten, ein Buch über das „Flying Fräulein“ zu schreiben. Dazu kam es allerdings nicht mehr.

„Lassen Sie’s, Herr Weierstahl. Das ist nur viel Arbeit“, hatte man ihm geraten, als er mit seinen Unterlagen bei einem Fernsehsender vorsprach. So etwas verärgert ihn. Er möchte Thea Rasches Name gerne wieder etwas Glanz verleihen und einige Punkte richtig stellen. „Verdient hätte sie es“ schwärmt Weierstahl. Tatsächlich zählte Rasche zu den bekanntesten Fliegern der 20er und 30er Jahre. Vor allem in den USA war sie sehr beliebt. Dort traf sie auf US-Präsident Calvin Coolidge und Fliegerlegenden wie Charles Lindbergh oder Orville Wright.

Aber auch in der Heimat feierte das „Fräulein“ Erfolge. 1927 gewann sie das Essener Industrierennen in ihrer Flugzeugklasse. Der stets erhoffte Atlantikflug wurde dagegen immer wieder verschoben und später aufgegeben. Neben technischen Probleme an den damals noch recht unzuverlässigen Flugzeugen führten vor allem finanzielle Hürden dazu, dass Rasche mehrere geplante Reisen nicht antreten konnte. Um an Geld zu kommen, kreiste sie zwischenzeitlich mit Touristen über der Freiheitsstatue in New York und hielt Vorträge an Flugschulen. 1933 hing sie die Fliegerei auf Drängen ihres Vaters und zeitweiligen Geldgebers, dem Direktor der Essener Actien-Brauerei, ganz an den Nagel.

Ehrengrab der Stadt Essen

Im Gegensatz zu anderen bekannten Pilotinnen der damaligen Zeit, hatte sich Rasche nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen lassen. Unter den Dokumenten, die Erwin Weierstahl gesammelt hat, befinden sich auch zahlreiche Schreiben, die Rasche vom Verdacht der braunen Gesinnung freisprechen. Lange Zeit verbrachte sie in Amerika, wo sie für den Bau von Flugplätzen warb und ein Vorbild für viele junge Frauen wurde. Später schrieb sie für die Deutsche Flugillustrierte und berichtete als Reporterin aus allen Kontinenten der Welt.

Kurz vor ihrem Tod im Februar 1971 trat sie mit einem letzten Wunsch an Weierstahl heran. „Ich möchte gerne noch einmal Auto fahren. Holen Sie mich doch ab und wir fahren ein Stück“, sagte Rasche damals. Einige Tage später verstarb sie allerdings. Geblieben sind ihm die Bilder einer Ausnahmepilotin, die selbst noch 1971 immer zwei Kaffeetassen auf den Tisch stellte, um mit bereits damals längst verstorbenen Fliegerfreund zu frühstücken und an die heute lediglich ein Ehrengrab auf dem Friedhof Bredeney erinnert.

 
 

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