Wie Bürger sich selbst vor Einbrechern schützen

Weil die Polizei nicht immer und überall gleichzeitig sein kann, beauftragen Anwohner private Sicherheitsdienste, um Einbrecher abzuschrecken. In Euskirchen und Radevormwald gehen Bürger selbst auf Streife - mit Taschenlampen und Trillerpfeifen. Doch Innenminister und Polizeigewerkschaft warnen.

Essen.. Bei Max Voormann kamen sie nach Mitternacht. Stiegen durch ein Klofenster ein, stahlen erst seinen Schlüssel aus der Hosentasche, dann Schmuck und Geld, verschwanden durch die selbst geöffnete Haustür wieder. Voormann, in seinem Haus in Essen-Kettwig, hat das verschlafen, seine Frau schlief danach schlecht: „Sie hatte Angst“, erinnert sich der 79-Jährige. „Sie sagte: Man ist in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr sicher.“

Max Voormann hat gehandelt. In seinem Viertel, wo viele ältere Menschen wohnen, war ihm bereits aufgefallen: „Plötzlich redeten die Leute nicht mehr über Gesundheit, sondern über die Gefahr.“ 40, 50 Einbrüche gab es damals im Jahr auf dem Schmachtenberg, viele „am helllichten Tage“. Voormann trommelte 130 Nachbarn zusammen, gründete die Interessengemeinschaft „Sicheres Kettwig“ und engagierte für rund 60 Euro pro Monat und Haus einen privaten Sicherheitsdienst. Seit „Condor“ täglich Streife geht, gingen die Einbruchsdiebstähle zurück – auf 20, auf zehn, auf null.

Patrouille mit Uniform und Hund - „Die sollen bloß kommen“

In Heiligenhaus läuft es ähnlich, in Ratingen auch; „Wohngebietssicherungen“ nehmen zu, sagt Udo Brockhagen von „Condor“. Allein seine Firma betreut mittlerweile neun Eigentümer-Gemeinschaften mit 1000 Mitgliedern. Je nach Auftrag patrouillieren uniformierte Sicherheitsleute mit Hund vier, sechs oder sogar 24 Stunden im Viertel; nicht einmal die Bewohner wissen, wann und wo genau. Erst kürzlich konnten Mitarbeiter einen Apotheken-Überfall vereiteln; in Ratingen beobachteten sie über l ängere Zeit eine Tätergruppe, bis diese von der Polizei dingfest gemacht werden konnte. „Ein schöner Erfolg.“

Kriminalität Dafür versuchen Bürger anderswo selbst zu sorgen. Nach mehreren Wohnungseinbrüchen, einem davon bei der Ortsvorsteherin, entstand im Kreis Euskirchen kurz vor Weihnachten aus dem Junggesellenverein Edelweiß Harzheim 1912 eine Bürgerstreife. Bis zum Ende der Winterzeit will die Gruppe, der sich inzwischen auch Bürger aus Nachbardörfern angeschlossen haben, mit Taschenlampen und Ferngläsern Streife gehen. Zehn bis 20 Mann, heißt es, seien immer dabei. Einbrecher? „Die sollen bloß kommen“, heißt es aus dem Verein.

Das würde man wohl auch in Radevormwald sagen. Dort gründete sich im Advent ebenfalls eine „Bürgerstreife“ mit dem Ziel, „die Anzahl der Einbrüche zu verhindern oder wenigstens weitestgehend einzuschränken“. Auch hier gehen Menschen auf „Spaziergänge“ mit Warnwesten und Trillerpfeifen, „um den Bürgern zu helfen. . . und unserer Stadt ein kleines Stück Sicherheit zurückzubringen“. Im Internet melden „Bürger für Bürger“ beinahe täglich „dubiöse Aktivitäten“ oder „wollen darauf hinweißen die Unterschriften Sammler sind wieder unterwegs“.

„Wir sind keine kriminelle Bande“

Eine „Bürgerwehr“ will die Streife aber keineswegs sein: „Wir sind keine kriminelle Bande, welche in Eigenregie handelt, sondern eine pflichtbewusste Truppe. . .“ Auch Waffen gehörten nicht zur Ausrüstung. Davon haben sich auch schon andere Gruppen distanziert. Solingens „Nachbarschaftswache“ will lediglich ein Frühwarnsystem für die Polizei sein, die „Sicherheitswacht“ im oberbayerischen Haar arbeitet gar mit ihr zusammen, in Harburg versuchten Bürger eine Weile, nächtliche Besuche von Brandstiftern zu verhindern – bis echte Ordnungshüter mahnten: „Wir wollen in keiner Weise, dass Bürger Polizei spielen.“

Auch die Politik sieht derlei Aktivitäten nicht gern. Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) warnte am Donnerstag Anwohner, eigenmächtig auf Verbrecherjagd zu gehen. Gerade internationale Banden, sagt auch die Gewerkschaft der Polizei, könnten schnell gewalttätig werden. „Eine zweite Gewalt darf es nicht geben“, heißt es aus Radevormwald; die Unabhängige Wählergemeinschaft mahnt: „Das Gewaltmonopol geht vom Staat aus, nicht von den Bürgern.“

Übrigens auch nicht von den bezahlten Sicherheitsleuten. Selbst sie dürfen niemanden festnehmen, nur gucken – und da sein. „Ich lasse nicht den Privat-Sheriff raushängen“, sagt Daniela Welslau, die in Heiligenhaus seit Jahren Streife geht. Mit Uniform und Hund „Gee“: „Das schreckt wirklich ab.“

 
 

EURE FAVORITEN