Wer zupft da am grünen Kleid?

Ulrike Eitner vom Nabu-Essen setzt sich schon seit vielen Jahren für den Naturschutz in Essen ein.
Ulrike Eitner vom Nabu-Essen setzt sich schon seit vielen Jahren für den Naturschutz in Essen ein.
Foto: WAZ
Umweltschützer laufen Sturm gegen das Konzept, Frei-und Grünflächen für Wohnen und Gewerbe zu nutzen. Nabu: Stadt verstößt gegen den Gebietsentwicklungsplan

Essen.. 185 Fußballfelder – das ist eine riesige Fläche. Die braucht die Stadt nach eigenem Bekunden für weitere Wohn- und Gewerbeansiedlungen – und würde hier und da auch Essens grünes Kleid kürzen wollen. Die Antwort der Umweltschützer lässt nicht lange auf sich warten. Und die fahren jetzt schweres Geschütz vor. Der Vorwurf: Die Stadt würde gegen den Gebietsentwicklungsplan verstoßen – und gegen die selbst gesetzten Klimaschutzziele. Am Ende könnte der Streit ein juristischer werden.

Der aktuelle Vorstoß der Stadt, 137 Hektar Reservefläche zur Verfügung zu stellen, werden vom Essener Naturschutzbund (Nabu) entschieden abgelehnt. Die Umweltschützer kündigten Widerstand gegen die weitere Versiegelung von Grün- und Freianlagen in der Ruhr-Metropole an. Sollte das Rathaus das Konzept „Bedarfsgerechte Flächenentwicklung“ des Planungsdezernenten Hans-Jürgen Best umsetzen wollen, „dann werden die Bürgerinitiativen zu Rechtsmitteln greifen“, erklärt Ulrike Eitner, Vorstandsmitglied beim Nabu-Essen.

Die Naturschützer fühlen sich im Recht. Die Stadt würde mit ihren umstrittenen Vorschlägen nicht nur der eigenen Kampagne gegen den Klimawandel schaden. Sie würde auch gegen Grundsätze des Gebietsentwicklungsplanes verstoßen. Noch setzt der Nabu darauf, dass die Politik da nicht mitmachen wird – und die Ideen des Planungsamtes letztlich im Papierkorb landen.

Streuobstwiesen und Biotop-Inseln

Schon vor sechs Jahren waren wichtige Grünflächen auf der Bedarfsliste der Stadt für Wohn- und Gewerbeflächen aufgeführt worden. „Da hatten wir erfolgreich dafür gekämpft, dass sie von der Liste gestrichen werden“, erinnert sich Ulrike Eitner. „Und jetzt stehen sie wieder drauf.“ Etwa die landwirtschaftlich genutzte neun Hektar große Fläche am Heuweg in Überruhr. Und sogar die Streuobstwiesen und die Biotop-Inseln an der Alten Hatzperstraße in Haarzopf, die vom Nabu liebevoll gepflegt werden, haben die Stadtplaner im Visier. „Da wachsen Orchideen, da leben Molche und die Kreuzkröte“, betont Ulrike Eitner. „Dieses Grundstück werden wir nicht hergeben und nicht verkaufen.“

Aber es geht nicht nur um diese 1,6 Hektar, sondern auch um die nahegelegenen mehr als 380 Kleingärten. Insgesamt, so berechnete der Nabu, sind die meisten Grundstücke, die die Stadt für die weitere Entwicklung nutzen will, Freiflächen – davon 43 Hektar, die für die Wohnbebauung herhalten sollen, und 81,8 Hektar für Gewerbeansiedlungen, die derzeit „überwiegend landwirtschaftlich genutzt werden“, so der Nabu.

„Regionale Grünzüge“

Vo allem: Von den 30 Flächen-Vorschlägen des Planungsdezernates zählen 18 zu den „Regionalen Grünzügen“ des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk Ruhr. Solche Freiräume seien laut Gebietsentwicklungsplan „von Siedlungstätigkeiten freizuhalten“. „Das sind deklarierte Frischluftschneisen“, heißt es in der jüngsten Stellungnahme des Nabu an den Beirat der Unteren Landschaftsbehörde, der sich am 18. Februar mit diesem Thema befasst. „Die stehen „für bauliche Nutzung nicht zur Verfügung.“

Würden diese Frischluftschneisen bebaut, „dann heizt sich die Stadt im Sommer um so mehr auf“, argumentiert die Nabu-Vertreterin. Dies widerspreche auch den Zielen des städtischen Modellvorhabens „Stadt begegnet Klimawandel“, an dem sich Essen bundesweit mit acht Kommunen beteiligt.

Statt im Grünen zu bauen, sollte die Stadt laut Nabu ausschließlich „vorhandene Baubaulandpotenziale“ auf „bereits planungsrechtlich gesicherten Flächen“ nutzen. Sinnvoll wäre die Bebauung von Industriebrachen. „Nur will das keiner, weil das so teuer ist“, bedauert Ulrike Eitner mit Hinweis auf die hohen Kosten für Abbruch und Bodensanierungen. Bei einer Teilnahme am Landesprogramm „Flächenpool NRW“ würde es zwar Fördermittel geben, aber das hatte die Mehrheit im Stadtentwicklungsausschuss erst Ende vergangenen Jahres abgelehnt.

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